Karriere

Clarissa-Diana Wilke: „Wir müssen die Tür zum Boardroom selbst aufmachen“

Clarissa-Diana Wilke ist Gründerin und geschäftsführende Gesellschafterin von WOMEN’S BOARDWAY – Deutsche Gesellschaft für Frauen in Führungspositionen, wo sie weibliche Führungskräfte in Sachen Gremienarbeit, Strategie und Netzwerk-Entwicklung berät. Wir wollten von ihr wissen, welchen Kulturwandel es braucht, wie nachhaltiger Aufstieg gelingt und warum die „Picknickdecke“ als Netzwerkplattform ausgedient hat.

Frau Wilke – die Gläserne Decke ist eine vielzitierte Metapher. Gibt es sie noch?

Vielleicht ist es in manchen Fällen auch ein gläserner Ring, der sich um Kreise schließt, zu denen nicht jeder und jedem Zutritt gewährt wird. Die Gläserne Decke als einen Zustand, in dem selbst bestqualifizierte Frauen bemerken, dass der weitere berufliche Aufstieg auf sich warten lässt, während der männliche Kollege längst auf der Überholspur ist, das gibt es leider noch zu oft. Dass Unternehmen nicht genug qualifizierte Frauen für ihre Gremien finden, halte nicht nur ich für einen Mythos.

Wie arbeiten Sie bei WOMEN’S BOARDWAY an diesem Ungleichgewicht?

Nicht die x-te Weiterbildung entscheidet über das berufliche Weiterkommen, sondern informelle Aufklärung darüber, wie sich der Umgang mit den im Arbeitsalltag geltenden, ungeschriebenen Gesetzen und Spielregeln – durch alle Hierarchiestufen hindurch – souverän meistern lässt. Mit jeder Frau, die zu uns kommt, erarbeiten wir einen passgenauen Strategie-Plan. Ziel dieses Plans ist es, ihren beruflichen Erfolg auf die nächste Ebene zu bringen. Unsere Philosophie lautet: „Erkenne deine Stärken und lerne, mit deinen Schwächen umzugehen.“

Können Sie eines der Programme, die Sie anbieten, näher beschreiben?

Lernen ist ein individualisierter Prozess. Programme werden der einzelnen Frau daher nicht gerecht. Für eine erfolgreiche Positionierung braucht jede ihre persönliche Board-Strategie, die zu ihrem Werdegang passt. Bei WOMEN’S BOARDWAY bringen wir weibliche Führungskräfte mit Playern aus der Board-Community zusammen und vermitteln informelles Wissen, das in keinem Buch steht. Wir schaffen ein Setting, das es den Frauen ermöglicht, mit ihrer Persönlichkeit unverstellt sichtbar zu werden. Coaching setzen wir begleitend ein, jedoch nur da, wo es sinnvoll erscheint. Unser Ziel ist es, Frauen nicht nur fit für die Arbeit im Gremium zu machen, sondern sie auch zu befähigen, sich dort zu behaupten.

„Meinen Plan kann ich immer wieder korrigieren, aber mein Ziel sollte ich nicht aus den Augen verlieren.“

Frau sitz am Schreibtisch und lächelt über Ihren Laptop hinweg Frau sitz am Schreibtisch und lächelt über Ihren Laptop hinweg

Und an wen richtet sich WOMEN’S BOARDWAY?

WOMEN’S BOARDWAY richtet sich an weibliche Führungskräfte aus dem mittleren Management und an Unternehmerinnen mit mindestens drei Jahren Geschäftsführungserfahrung – Frauen, die ein Mandat anstreben oder bereits eines innehaben. Wir verzahnen Kontakte so miteinander, dass Wissen auch generationenübergreifend weitergegeben wird. Darüber hinaus begleiten wir Frauen beim „Onboarding“, also den ersten hundert Tagen in einem Unternehmen, und unterstützen sie dabei, frühzeitig ihre Board-Strategie zu entwickeln, Ziele zu formulieren und kontinuierlich zu verfolgen sowie Hürden auf dem Weg zu erkennen und zu umgehen.

Was können Frauen tun, um diese Hürden frühzeitig zu bemerken und nachhaltig an ihrem Aufstieg zu arbeiten?

Es ist wichtig, ein konkretes Ziel vor Augen zu haben. Meinen Plan kann ich immer wieder korrigieren, aber mein Ziel sollte ich nicht aus den Augen verlieren. Hier hilft es, wenn ich mich selbst besser kennenlerne und weiß, warum ich bestimmte Dinge erreichen will. Und natürlich kann das Ziel auch Geld oder Einfluss sein – mehr Macht bedeutet ja auch mehr Gestaltungsmöglichkeiten. Gleichzeitig sollten wir uns nicht um jeden Preis verbiegen. Erfolg stellt sich müheloser ein, sofern wir nicht krampfhaft versuchen, dem schablonesken, gesellschaftlich propagierten Bild des „Erfolgsmenschen“ nachzueifern. Wer frühzeitig seine persönliche Board-Strategie entwickelt und diese beharrlich weiterverfolgt, hat gute Chancen, jedes noch so hoch gesteckte Ziel zu erreichen.

Was muss Ihrer Ansicht nach in Hinblick auf einen Struktur- und Kulturwandel als nächstes geschehen?

Mehr Flexibilität ist gefragt, vor allem im Denken. Mehr Führungskräfte in Teilzeit, mehr Väter in Elternzeit, mehr Frauen in MINT-Berufen, mehr Männer in den typischen „Frauenberufen“, mehr Transparenz bei Gehältern, mehr Entwicklung von Talenten, mehr Rückbesinnung auf Werte, mehr Mut beim Recruiting und vor allem: mehr Führungspersönlichkeiten, die zu ihrem Wort stehen und sich aktiv für den Wandel einsetzen. Benachteiligung am Arbeitsplatz verläuft meist subtil. Ein Grund können “unconscious bias”, unbewusste Vorannahmen, sein. Sich dieser bewusst zu werden, ist nicht immer bequem und doch eine wesentliche Führungsaufgabe. Wir brauchen ein Umdenken auf allen Hierarchieebenen, das aktiv gelebt und vorgelebt wird. Die Digitalisierung wird, so bleibt zu hoffen, Katalysator für ein neues Führungsverständnis sein.

Professionell auftreten mit unseren Business Basics:

Wie können Unternehmen Chancengleichheit ernster nehmen?

Führungskräfte sind gut beraten, ihre Führungsverantwortung ernst zu nehmen und nicht immer nur das zu tun, was gerade opportun erscheint. Frauen und Männer gilt es, fair und nach gleichen Wertmaßstäben zu beurteilen. Tradierte Rollenbilder müssen sich auflösen. Hier gibt es leider schon beim Bewerbungsprozess Ungleichheiten: Männliche Bewerber werden nach ihrem Potenzial beurteilt und man übergeht mangelndes Erfahrungswissen nach dem Motto „Der schafft das schon“. Bei Frauen wird eher danach gefragt: „Kann sie das schon? Hat sie das schon mal gemacht?“ Frauen ihrerseits sollten sich davon nicht einschüchtern lassen. Wenn jede und jeder sich auf sich selbst besinnt, ist viel gewonnen. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind keine amorphe Masse. Wir brauchen mehr Vorbilder, mutige Führungspersönlichkeiten, insbesondere im Personalbereich, die auf vielschichtige Charaktere und auch mal unkonventionelle Erwerbsbiografien setzen. In unserer globalisierten und digitalisierten Wirtschaftswelt zahlt sich Vielfalt aus.

Gewisse Dinge ändern sich ja bereits, zum Beispiel gibt es immer öfter das Angebot flexibler Arbeitszeitmodelle. Kommen diese Frauen entgegen?

Im Prinzip ja, doch ist Arbeiten im Home Office nicht nur förderlich. Unternehmen werden immer mehr zum Netzwerkknotenpunkt. Das Feierabendbier, ein paar Sätze am Kaffeeautomaten, Kantinenroutinen - all das fördert gute Arbeitsbeziehungen. Wer im Unternehmen präsent ist, wird gesehen und nimmt an Entscheidungsprozessen teil. Im Home Office läuft man Gefahr, an wichtigen Gesprächen nicht teilzuhaben und Chancen zu verpassen. Wichtig ist es daher, mehr Modelle für Führung in Teilzeit zuzulassen und Familien durch den weiteren Ausbau von Kinderbetreuungsangeboten zu entlasten.

Gremienarbeit ist ein wichtiger Aspekt Ihrer Arbeit. Vielleicht können Sie kurz erklären, was es damit auf sich hat?

Wir setzen im Gremium an, weil man sich über diesen Weg auch außerhalb von Unternehmen und Organisationen für weitere Aufstiegsmöglichkeiten, sei es in- oder extern, positionieren kann. Außerdem lassen sich Unternehmenskulturen so von innen heraus verändern. Nicht umsonst heißt „Gremium“ auf Lateinisch „das Innere“. Hier sitzt die “DNA” des Unternehmens, von hier aus werden Entscheidungen der Unternehmensführung kontrolliert. Strukturelle Veränderungen lassen sich von hier aus besonders gut auslösen. Die chancengerechte Besetzung von Gremien trägt maßgeblich zu deren Professionalisierung bei.

Frau steht am Rednerpult und spricht vor Publikum Frau steht am Rednerpult und spricht vor Publikum

„Wer mit der eigenen Expertise wahrgenommen werden möchte, sollte auch außerhalb des Unternehmens auftreten und sichtbar werden.“

Inwiefern können Frauen, die einen Sitz im Gremium anstreben, strategisch vorgehen?

Zunächst sollte jede für sich herausfinden, mit welcher konkreten Motivation sie den Weg ins Gremium anstrebt. Wenn ich weiß, warum ich etwas will, wird es mir leichter fallen, mein Ziel zu formulieren und zu erreichen. Diese Zielformulierung ist Teil des persönlichen Strategie-Plans, den jede Frau individuell, inklusive aller notwendigen Zwischenschritte, für sich entwickeln sollte. Dabei gilt es, die eigenen Qualifikationen und Kompetenzen realistisch einzuschätzen. Es muss auch nicht immer gleich das große DAX-Unternehmen (Großunternehmen im Deutschen Aktienindex, Anm.) sein. In Familienunternehmen wird viel Wert auf Vertrauen, Kontinuität, Integrität gelegt -, ein gutes Umfeld, um sich unter Beweis zu stellen. Ehrenamtlich organisierte Gremien – zum Beispiel eines Verbandes oder einer NGO – bieten gute “Übungsfelder“, nicht zuletzt, um den richtigen Umgang mit Hierarchien zu erlernen. Elementar ist zudem der Aufbau eines persönlichen Netzwerks mit tragfähigen Kontakten.

Was muss ich für ein Mandat in einem Gremium mindestens mitbringen?

Wer mit der eigenen Expertise wahrgenommen werden möchte, sollte auch außerhalb des Unternehmens auftreten und sichtbar werden. Das geht zum Beispiel mit Vorträgen, Publikationen, Blogs oder ehrenamtlichen Tätigkeiten. Neben Fachkompetenzen ist die charakterliche Disposition mindestens ebenso wichtig. Wer Gremienarbeit anstrebt, sollte die geeignete Persönlichkeit mitbringen, innere Haltung besitzen und Rückgrat. Wir brauchen mehr Vorbilder, mutige Führungspersönlichkeiten, die nicht nur sagen, dass sie neue Wege gehen, sondern dies auch tun. Mit unseren BOARDSTORIES – Erster VorbilderSaloon für buntere Boards stellen wir Role-Models vor, die zeigen, wie vielfältig die Wege ins Gremium sein können. Es kommt oft genug vor, dass jemand aus der Kreativwirtschaft im Gremium eines Chemiekonzerns sitzt.

Dürfen wir das also als Impuls für unsere Leserinnen und andere „Women in Business“ verstehen – es sich auch einmal zuzutrauen, sich branchenfremd zu bewerben?

Auf jeden Fall.

„Stichwort Frauen-Netzwerk: Statt der ewig eingeforderten Wertschätzung würden uns gegenseitige Empfehlungen und ehrliches Feedback viel weiter bringen.“

Frauen sitzen an einem großen Meetingtisch und reden Frauen sitzen an einem großen Meetingtisch und reden

Wie bewerten Sie die Frauenquote?

Die Jahre der freiwilligen Selbstverpflichtung haben kaum Veränderung gebracht. Mit der Quote kommt endlich mehr Bewegung in die Sache. Zumindest bei den DAX-Unternehmen. Sinnvoll wäre auch eine Männerquote für die klassischen „Frauenberufe“, damit die Löhne steigen. Und vielleicht brauchen wir die Quote in ein paar Jahren gar nicht mehr – wirtschaftliche Interessen werden automatisch dazu führen, dass mehr Frauen die Chefetagen erreichen, das ist nur eine Frage der Zeit. Vielfältig besetzte Gremien sind bekanntlich die innovativsten. Und damit lässt sich Geld verdienen.

Kommen wir zum Networking. Welche Bedeutung hat Netzwerken und wie könnte man es noch besser machen?

Wir müssen weg von „Picknickdecken-Kulturen“ wie wir sie in Frauennetzwerken häufig antreffen! (lacht) Statt der ewig eingeforderten Wertschätzung, die guttut, aber leider oft geheuchelt ist, würden uns gegenseitige Empfehlungen und ehrliches Feedback viel weiter bringen. Bei Männern ist das ein ungeschriebenes Gesetz, bei Frauen ausbaufähig. Gerade bei den jüngeren Frauen möchten wir mit WOMEN’S BOARDWAY ein Bewusstsein schaffen, wie wichtig und wirkungsvoll solche Empfehlungen sind. Man muss nicht in unzähligen Netzwerken präsent sein. Vielmehr kommt es auf tragfähige persönliche Verbindungen an, die man über einen langen Zeitraum pflegt und entwickelt.

Worauf kommt es da besonders an?

Informelles Wissen ist der Schlüssel zu relevanten Kreisen. Die Welt – vor allem die Arbeitswelt – ist hochpolitisch. Das ABC des Netzwerkens zu beherrschen, ist entscheidend für das berufliche Weiterkommen. Wir sprechen hier über eine neue, hochprofessionelle Form des Netzwerkens. Wer in gemischten Netzwerken und dort in seit Jahren gewachsenen und gut funktionierenden Frauen- bzw. Männer-Koalitionen mitmischen möchte, muss es wirklich wollen, an seinem Habitus feilen und einen langen Atem mitbringen. Gelingende Begegnung ist keine Selbstverständlichkeit.

Abschließend: Welche Erkenntnisse aus Ihrer persönlichen Laufbahn würden Sie anderen Frauen gerne mitgeben?

Ergreife und – ganz wichtig – erkenne Chancen, wenn sie sich dir bieten. Manche Frauen neigen dazu, alles alleine schaffen zu wollen. Das müssen sie aber nicht. Suche dir Menschen, denen du vertrauen kannst und die dich unterstützen. Stehe zu deinen Schwächen, übertünche sie nicht. Vertraue stattdessen auf deine Talente und dein Potenzial, und lass dich nicht so leicht beeindrucken von dem, was andere machen. Lass dir nicht einflüstern, du müsstest “authentisch” sein. Wenn du dir schon zu viel antrainiert hast - werde einfach wieder zu der, die du bist. Trau dich, auch mal Nein zu sagen. Bleib bei deinen Stärken. Es kann manchmal mehr bringen, sich auf die eigenen Fähigkeiten zu besinnen und eigene Ideen umzusetzen, statt darauf zu bauen, irgendwann entdeckt zu werden. Ich rate, zu versuchen, entspannt zu bleiben und auch mal mit Selbstironie an die Dinge heranzugehen. Wenn etwas nicht geklappt hat, trete ich eben einen Schritt zurück und überlege mir einen neuen Weg, der auch zum Ziel führt.

Frau Wilke, herzlichen Dank für das aufschlussreiche Gespräch!

Clarissa-Diana Wilke war zuletzt als Festivalmacherin in der Kultur- und Kreativwirtschaft tätig, bevor sie in den Public Affairs-Bereich wechselte, wo sie die Gremienarbeit in Verbänden und Organisationen managte. Mit ihrer Initiative WOMEN’S BOARDWAY vermittelt die Netzwerk-Expertin aufstiegsbereiten Frauen sensible Zugänge in die Board-Community sowie strategische Beratung und informelles Wissen aus erster Hand.