Gudrun Zettl, Herrenschneiderin in der Breuninger Maßschneiderei im Haus Stuttgart, illustriert von Cassandre Montoriol, 2018
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40 jahre mit gudrun

Als Gudrun Zettl ihre Lehre 1977 in der hausinternen Maßschneiderei begann, bestand die Abteilung traditionell nur aus Männern. Als einzige Frau war es für die Herrenschneiderin daher anfangs kein Leichtes, die begehrten Aufträge des Feinmaßes zu ergattern.

Die Perfektion, die im Feinmaß gefragt ist, ist für sie auch heute noch eine Herzenssache: „Über den Zuschnitt, die Verarbeitung und die Anpassung – alles geschieht in Handarbeit. Dabei entstehen Unikate, auf die ich sehr stolz bin“.

Was schätzen Sie besonders an Ihrer Arbeit?

Gudrun Zettl: Ein Leidenschaftsprojekt ist für mich, wenn ich eine Maßanfertigung (auch Feinmaß genannt) von Anfang bis Ende betreuen kann. Im Unterschied zur Maßkonfektion – hier wird im Grunde genommen ein fertiges Produkt an die Maße des Trägers angepasst und dann neu für ihn genäht – entsteht im Feinmaß über das Design, den Schnitt und die Fertigung sozusagen ein komplett neues und individuelles Kleidungsstück. Auch ist der Kunde bezüglich der Stoffe und Ausführungen viel freier.

Im Feinmaß entstehen sehr abwechslungsreiche Aufträge und diese besonderen Stücke zu fertigen, erfordert viel Aufmerksamkeit. Ein Beispiel: Um einen Frack von Anfang bis Ende zu schneidern, benötige ich circa 60 Stunden Arbeitszeit.

Das ist sehr aufwendig, macht mir aber am meisten Spaß. Neben der Herausforderung des Fertigens, finde ich aber auch die individuellen Wünsche nach all den Jahren immer noch sehr spannend.

Was waren Ihre Highlights während Ihrer Zeit bei Breuninger?

Ich durfte zum Beispiel für einen Geigenspieler einmal einen Anzug kreieren.

Da beim Musizieren natürlich für mehr bzw. für zusätzliche Bewegungsfreiheit gesorgt werden muss, habe ich einen besonderen Stoffeinsatz am inneren Ärmel eingearbeitet.

Ein anderer spannender Fall war ein Zauberer. Er gab bei mir einen Mantel mit unglaublich vielen kleinen Taschen in Auftrag. Diese sollten natürlich nicht zu sehen sein, damit er seine zahlreichen Zauberartikel während der Vorstellung gut verstauen konnte.

Seit 40 Jahren sind Sie nun mit dabei – was ist es, dass Sie jeden Tag aufs Neue antreibt?

Ich habe das große Glück, dass mir meine Arbeit sehr viel Spaß macht. Insbesondere die Handarbeiten. Und so gehe ich ohne Frage täglich motiviert an meine Arbeit heran. Besonders freue ich mich über die individuellen Fälle, die auch in Zukunft zahlreich gefragt sein werden. Ich könnte mir sogar gut vorstellen, nach meinem Rentenantritt, weiterhin für Breuninger im Feinmaß zu arbeiten. Herrenschneider ist einfach ein schöner Beruf.