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Neue Materialtechnologien, ressourcenschonende Verfahren und nachhaltige Arbeitsweisen: Nachhaltigkeit ist in der Modebranche längst angekommen. Zahlreiche Labels verfolgen schon längere Zeit ganz individuelle Ansätze, wie sie das Thema aufgreifen und umsetzen. Ecoalf ist ein solches Label. Wir haben mit dem Gründer Javier Goyeneche über seine grüne Marke gesprochen.

Pionier mit klarer Vision: Javier Goyeneche, Gründer von Ecoalf, sammelt mit 3000 Fischern Plastikmüll aus dem Mittelmeer, um daraus nachhaltige Mode zu kreieren

Wo andere Abfall sehen, sieht er Rohstoffe. Javier Goyeneche gründete Ecoalf mit der Vision eines nachhaltigen Modelabels, das toll aussieht.

Gesagt, getan. Seit seiner Gründung hat das spanische Fair-Fashion-Label Ecoalf über 400 Millionen Tonnen Plastikmüll aus dem Meer gefischt, um daraus Kleidung zu machen. Und das ist noch nicht alles. Recycelte (Baum-)Wolle, Kaffeesatz, Autoreifen oder gar Garnelenpanzer sind weitere Stoffe, aus denen die Zukunftsträume von Javier Goyeneche gestrickt sind, „denn es gibt keinen Planet B“, wie er sagt.

Wie starten Sie in das neue Jahrzehnt, optimistisch oder pessimistisch?

Javier Goyeneche: Weder noch. Beide Einstellungen finde ich problematisch, da sie beide bewirken, dass man nicht aktiv wird. Die Optimisten sagen: Das wird schon, die anderen regeln das. Und die Pessimisten sagen: Es ist sowieso zu spät. Für mich ist auf jeden Fall klar, dass wir reagieren und erkennen müssen, dass wir ein Problem haben. Es geht nicht mehr darum, was man tut, sondern wie man es tut.

Sie haben das Problem vor vielen anderen erkannt. Ich bin schon seit 1995 in der Modeindustrie tätig und sah, wie Kleidung produziert wurde. Ich sah die verschmutzten Flüsse, die Farben, die zum Färben benutzt wurden. Wenn man hinsehen wollte, war das alles schon vor langer Zeit sichtbar. Nach dem Verkauf meiner ersten Modefirma 2009 war mir klar, dass ich etwas anderes machen muss, um mich von den vielen wunderbaren Labels und Designern, die es ohnehin schon gab, zu unterscheiden.

Daher meine Mission, recycelte Produkte zu kreieren, die in Qualität und Design herkömmlicher Mode in nichts nachstehen.

Große Haie, kleine Fische und ein Ozean voller Möglichkeiten.

Ganz provokant gefragt: Ist Nachhaltigkeit inzwischen ein Trend?

Nein, das hoffe ich nicht. Es gibt eine neue Generation, für die Nachhaltigkeit immer wichtiger wird. Auch stelle ich zum Glück eine Verhaltensänderung bei vielen Konsumenten fest. Doch ich finde nicht, dass die Menschen etwas kaufen sollten, nur weil es nachhaltig ist.

Wir müssen die Leute mit unserem Design, unseren Schnitten und unserem Preis überzeugen. Dann kaufen sie unsere Kleidung, weil sie die Brand mögen. Wenn Nachhaltigkeit unser einziger Pluspunkt wäre, was würden wir dann machen, wenn sie zum Standard wird?

Sie hoffen also, dass Ecoalf sich bald nicht mehr durch den Nachhaltigkeitsaspekt von anderen Modemarken unterscheidet?

Ja, das wäre doch toll!

Die Ecoalf-Installation veranschaulicht den Kreislauf: Aus Fischernetzen und PET-Flaschen wird Granulat gewonnen, welches zu Garn und später zu Stoffen weiterverarbeitet wird

Ihre neue Kollektion trägt den Namen „1,5“. Warum?

Das bezieht sich auf die 1,5 Grad, die wir nicht überschreiten sollten, wenn wir in der Welt weiterhin auf eine gewisse Art und Weise leben wollen. Ich habe mich im Dezember auf der COP 25 (der UN Klimakonferenz) in Madrid lange mit Al Gore unterhalten. Auch über die verheerenden Brände in Australien haben wir gesprochen. Das Land ist so ausgetrocknet, dass die Brände sich wie das sprichwörtliche Lauffeuer ausbreiten. Das hat viel mit den erhöhten Temperaturen zu tun.

Man kann auch sagen: Es ist ein Vorgeschmack auf das, was passiert, wenn wir dauerhaft 1,5° Celsius mehr erreichen. In seinem Vortrag sagte Al Gore, dass nach der landwirtschaflichen, der industriellen und der digitalen Revolution nun die „Sustainability Revolution“ gekommen sei. Er sprach darin über viele Branchen, aber nicht über die Modebranche. Doch wir müssen über die Modeindustrie, insbesondere über die Fast-Fashion-Industrie nachdenken.

Sie ist zusammen mit der Autoindustrie einer der größten Umweltsünder weltweit. Sie trägt z. B. die Verantwortung für sehr viel Abholzung. Es werden immer wieder große Waldstücke gerodet, um Baumwollfeldern Platz zu machen. Und für was? Für 3-Euro-T Shirts? Das darf nicht sein, es ist ein Businessmodell, das nicht funktioniert.

Wie würden Sie das Geschäftsmodell verändern?

Wir hatten kürzlich, um ein Beispiel zu nennen, ein Sales-Meeting mit unseren Agenten. Ich teilte ihnen mit, dass wir nicht mehr überproduzieren werden, nur damit Kleidung auf Lager ist, falls jemand nachbestellen möchte. Sie waren schockiert. Ich finde das nicht nachhaltig. Wir wollen nicht an der Wegwerfgesellschaft teilnehmen, die jährlich 300 Milliarden Kleidungsstücke direkt für die Müllkippe produziert. Ich denke, dass wir alle ein neues Geschäftsmodell brauchen.

Müllkippe, das ist ein gutes Stichwort. Können Ihre Kleidungsstücke wieder recycelt werden?

Das ist derzeit die große Herausforderung. Wir sind leider noch nicht vollkommen in der Circular Economy angekommen. Rund 75 Prozent unserer Kleider sind bereits recycelbar. Um in die Nähe der 100-Prozent-Quote zu kommen, arbeiten wir an neuen Lösungen. Was wir bereits tun: Wir mischen z. B. kein Nylon und Polyester mehr, weil es sich nicht wieder trennen lässt.

Nur reine Fasern lassen sich wiederverwenden. Mikrofilamente sind ein weiteres großes Problem. Seit 2015 benutzen wir keine Fleece-Stoffe mehr – obwohl das unsere Bestseller waren. Grund: Bei jedem Waschgang landen tausende Mikroplastikteilchen im Wasser. Darüber hinaus arbeiten wir an neuen Fasern, besseren Färbetechniken, usw. Es gibt noch sehr viel zu tun.

Was können Verbraucher tun?

Verbraucher haben viel Macht. Sie müssen sich jetzt entscheiden, wie sie sie einsetzen. Sehen Sie sich die Automobilbranche an, wir nennen sie nicht einmal mehr so, sondern es ist jetzt die „Mobility-Branche“, es geht also um einen Service, nicht um ein Produkt. Mit 18 zählte ich die Tage, bis ich meinen Führerschein bekam, weil ich endlich ein eigenes Auto haben würde. Heute träumen 18-Jährige nicht mehr vom eigenen Auto.

Sie sharen oder mieten es. So ähnlich kann es auch in der Mode gehen. Die Konsumenten können gezielt die Marken mit ihrem Geld fördern, deren Werte sie teilen. Wir kleinen Brands machen zwar eine Menge Wind, aber für uns allein stellt sich kein Produzent auf
nachhaltigere Produktion um. Deshalb müssen wir die großen Fische mit ins Boot holen, denn wenn die Nachfrage besteht, dann werden Produzenten von ganz allein nachhaltige Stoffe, Schnürsenkel aus recyceltem Plastik oder recycelbare Schuhsohlen entwickeln.