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Michel Comte für Breuninger. Los Angeles, 2017

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Ob von den Toplabels eingekleidet oder verletzlich und hüllenlos: Michel Comte gelingt es immer mit seiner Kamera hinter die Fassade zu sehen und die Tiefe eines Menschen auszuloten. Im Interview erzählt der Schweizer über sogenannten Zufälle, die in Wahrheit präzise Inszenierungen sind und wer die Hauptakteure im Shooting „What´s next“ sind.

Interview: Inga Liningaan Langkay

Fantasie wird oftmals als Antithese zur Realität begriffen. Michel Comte belehrt uns in diesem Editorial eines Besseren. Er reiste nach Los Angeles, besuchte das architektonische Meisterwerk des Modernisten John Lautner, die Sheats Goldstein Residence. Surreale Architektur kollidiert mit Wildnis, mittendrin die Künstlerin Carlotta Kohl. Gekleidet in Eleganz – Blau, Gold, zeigt sich stark und zart zugleich. Schnell wird klar: Fantasie ist ein Teil unserer Realität und vielleicht sogar ihr lebendigster.

Herr Comte, das Editorial dieser Ausgabe haben Sie in der berühmten Sheats Goldstein Residence in L. A. geschossen. Warum fiel Ihre Wahl auf diesen Ort?

Ich könnte immer wieder dorthin zurückkehren und mich aufs Neue inspirieren lassen. Einfach gesagt: Mich faszinieren die Atmosphäre, der Ausblick und die Aura des Hauses. Außerdem passt die hochstilisierte Ästhetik des Anwesens auch zur Perfektion, die wir mit diesem Editorial ausstrahlen wollten.

Sie kennen das Haus schon sehr lange …

Ja. Seit James Goldstein das Haus 1972 gekauft hat, veränderte er über die Jahrzehnte enorm viel daran. Da wir befreundet sind, habe ich das alles mitverfolgt.

In einem Gespräch mit James Goldstein sagten Sie einmal, dass Sie „den Garten des Hauses seit 27 Jahren kennen, Ihnen jede Blume und jeder Baum bekannt ist“ und „alles wie ein Zufall aussieht, aber es eigentlich präzise geplant und inszeniert wurde“. Mir kam der Gedanke, dass dieser Ansatz Ihrer Fotografie nicht ganz unähnlich ist.

Überhaupt nicht. Ich arbeite sogar exakt genauso. Es soll stets so aussehen, als wäre alles spontan entstanden.

Dabei steckt absolute Perfektion dahinter.

Exakt. Die eigentliche Mühe darf niemals sichtbar sein. Das ist die Kunst dabei.

Michel Comte für Breuninger. Los Angeles, 2017

Dennoch bevorzugen Sie bei Ihren Fotografien oftmals analoge Hilfsmittel. Anstatt zum Photoshop-Weichzeichner zu greifen, präferieren Sie ein mit Wasser besprenkeltes Glas vor der Linse und geben dem Zufall so eine ziemlich fabelhafte Chance, oder?

Nun, nennen wir es mal geplante Zufälle.

Sie waren schon immer sehr interessiert an Architektur. Beeinflusst diese Sie in Ihrer Arbeit als Fotograf?

Mich auf jeden Fall. Generell würde ich jedoch nicht unbedingt zu enge Parallelen zwischen diesen beiden Feldern ziehen wollen. Für mich selbst ist die Umgebung, in der ich arbeite, ein absolut zentrales Element. Räume müssen mich visuell ansprechen. Ich mag klare Formen und auch das Licht muss stimmen und der Ort muss auf irgendeine Weise kommunizieren.

Kam Ihnen jemals der Gedanke, zur reinen Architektur- oder Landschaftsfotografie zu wechseln?

Nicht wirklich. Landschaftsfotografien und Dokumentationen wurden schon früh zu einem Teil meiner Arbeit. Aber ich wollte mich noch nie selbst begrenzen oder etwas anderes ausschließen müssen. Ich brauche den Dialog mit meinem Gegenüber und würde den Austausch mit Personen vor der Kamera absolut vermissen.

Haben Sie schon einmal überlegt, selbst etwas zu entwerfen?

Da bin ich tatsächlich gerade dabei. Bis jetzt zog ich immer in bereits existierende Häuser und habe mich in diesen zwar sehr wohlgefühlt, doch die Wände waren bereits hochgezogen. Alles war da. Nun möchte ich bei null beginnen und den allerersten Stein selbst legen.

Wenn wir den Bogen etwas abstrakter spannen, so arbeiten Sie auch für Breuninger dreidimensional, indem Sie die gesamten Gebäudefassaden der Häuser mit überdimensionalen Fotografien bespielen. Was macht es für Sie so interessant, auf großen Flächen zu arbeiten?

Es gibt mir die Möglichkeit, noch einmal komplett anders mit meinen Fotografien umzugehen und sie in einen zusätzlichen Kontext zu setzen.

Es soll stets so aussehen, als wäre alles spontan entstanden.

Michel Comte für Breuninger. Los Angeles, 2017

Das Spannende an großformatigen Projekten ist, dass man niemals genau weiß, wie es final aussieht, bis es tatsächlich enthüllt wird. Für Bücher und Magazine kann man schnell einen Andruck machen. Das ist hier aber nicht möglich.

Für diese Ausgabe haben Sie mit Carlotta Kohl zusammengearbeitet. Was fasziniert Sie an ihr?

Ich kenne Carlotta gut und wir haben bereits bei einigen Projekten zusammengearbeitet. Sie ist unglaublich vielschichtig in ihrer Arbeit und steht dabei gleichzeitig für eine junge und spannende Generation, die sich nicht mehr über nur eine Sache definieren möchte, sondern sehr stark im Moment arbeitet; sich über das Hier und Jetzt bewusst zu sein scheint. Dabei spielt das Medium zunächst eine untergeordnete Rolle.

Was in Ihrer Arbeit durchaus auch der Fall ist …

Das stimmt. Man kann das sicherlich nicht strikt auf eine Generation beziehen, aber es ist schön zu sehen, dass dieses breitgefächerte Verständnis von der eigenen Arbeit und dem eigenen Leben gerade sehr präsent zu sein scheint.

Wenn Sie eine Modestrecke mit einer befreundeten Person schießen, verstehen Sie sie immer noch als Modefotografien?

Würde ich nicht sagen. Die Fotografien von Carlotta sind für mich nicht primär als reine Modestrecke zu verstehen. Wenn Sie jemanden fotografieren, den sie gut kennen und dessen Persönlichkeit Ihnen bekannt ist, dann fließt all dieses Wissen in die Arbeit ein. Und auch wenn in einer Fotografie keine lesbaren Worte enthalten sind, so hat sie eine ebenso große, wenn nicht sogar noch komplexere Aussagekraft.

Einer meiner liebsten Orte für neue Inspirationen: die Sheats Goldstein Residence.