Momentaufnahme der Yayoi Kusama Ausstellung "I UENDELIGHEDEN" im Louisiana Museum of Modern Art in Humlebæk (17.09. 2015 bis 24.01. 2016) © Fotograf Kim Hansen
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die macht der farben

Ohne Farben wäre das Leben fad. Farben sorgen für bemerkte und unbemerkte Schönheit, sie regieren unsere Wahrnehmung bewusst und unbewusst und sie schaffen angenehme und unangenehme Stimmungen.

Über die Geschichte der Menschheit hinweg haben Farben immer Macht gehabt und standen immer für Macht. Oftmals symbolisieren sie auch die Identität eines Landes. Sagt unser Autor Christian Schüle.

Vor Jahren war ich auf einer Reise auf dem ‚gelben Fluss‘ durch China. Je nach Tiefe, Menge der Sedimente und Untergrundbeschaffenheit nimmt er zahllose Variationen des Farbtons Gelb an – man darf ihn sich wahlweise goldgelb, rapsgelb, maisgelb oder ginstergelb vorstellen. Bis heute hat dieser Gelbe Fluss, der Huang He, mythische Qualität für alle Chinesen, zumal an seinen Ufern der legendäre Gelbe Kaiser aufwuchs.

In der chinesischen Farbenlehre, einer der ältesten der Kulturgeschichte, stehen Farben für Tugenden und die Elemente, die einander zerstören (ying), einander aber auch erzeugen (yang). Vor allem symbolisieren sie die Himmelsrichtungen und Jahreszeiten.

Wasser ist schwarz, warmherzig, Winter und Norden. Feuer ist rot, gerecht, Sommer und Süden. Holz ist grün, vernünftig, Frühling und Osten. Metall ist weiß, weise, Herbst und Westen. Erde ist gelb, ausgeglichen, jahrezeitenaunabhängig und die Mitte.

Als ebendiese Mitte von allem ist gelb die wichtigste Farbe und deshalb imperial, die Farbe des Kaisers. Im chinesischen Sprachgebrauch vereint gelb allerlei widersprüchliche Assoziationen: heilig und verrucht, loyal und vulgär. Zudem bedeutet gelb auch golden, und das „gelbe“ Metall Gold symbolisiert als Luxus zugleich Dekadenz.

In Asien bedeutet Gelb immer Gutes. Ein gelber Drachen, eine gelbe Quelle sind glücksbringende Andeutungen. In Europa wird Gelb oft mit negativen Assoziationen gekennzeichnet.

In erster und offizieller Linie aber ist gelb die Farbe der Harmonie und deshalb seit 220 vor Christus die Farbe des Kaiserhauses, dessen Auftrag es war, als Teil des Irdischen ein Mittler zwischen Erde und Himmel zu sein. Und da die chinesischen Kaiser ihr Mandat vom Himmel bekamen, blieb allein ihnen Gelb vorbehalten.

Sie trugen einen gelben Mantel, das Laken ihrer Betten war gelb, der Weg, den sie gingen, nannte man den ‚gelben Weg‘, die Polster und Kissen auf ihren Thronen waren gelb, und die Ziegel der Palast-Pagoden in Pekings Verbotener Stadt waren gelb lasiert.

Meisterwerk chinesischer Architektur: die Verbotene Stadt. Zahlreiche Details sind in Gelb, der Symbolfarbe des chinesischen Kaisers gehalten. © Adobe Stock

Nun erfuhr ich Ende letzten Jahres, dass eine der tonangebenden Trendfarben 2018 mit dem englischen Wort ‚Meadowlark‘ (ein kühles Sonnengelb) bezeichnet wird.

Zuerst freute ich mich darüber, dass es sich die Jury offensichtlich nicht einfach gemacht und eine nicht sofort zu identifizierende Farbe gewählt hat. Ich wusste nicht, welcher Ton Meadowlark sein könnte, irgendetwas Geheimnisvolles womöglich, in jedem Fall Verheißungsvolles. Meadowlark klingt komplex und kompliziert, so mag ich es, weit besser als nur „gelb“ oder „grün“.

Das US-amerikanische Pantone Color Institute reflektiert bekanntlich mit seinen jährlich ausgerufenen Trendfarben auch gesellschaftliche Stimmungen und Entwicklungen. Farben geben soziale und auch politische Orientierung (Koalitionen sind bekanntlich zum Beispiel schwarz-gelb oder rot-grün). Sie knüpfen unbewusst Verbindungen, kündigen gerne einen Wechsel der Identität an und fungieren fast immer als Signal für Aufbruch und Veränderung.

Einrichtungsexperten sind ja oft auch Populär-Psychologen, die mit einer bestimmten Farbgebung das Ambiente einer Wohnung und das Befinden des Bewohners stimulieren können. Farben sind also Statements: So will ich sein, so will ich wahrgenommen werden. Oder sie sind Image-Label und rufen einem zu: Mit Nivea-Blau bist du Teil eines Kults, mit Tiffany-Türkis Teil einer Familie der elitären Feinheit.

Obwohl weder Wort noch Zeichen, kommunizieren Farben so stark, dass sie für Mode und Design eine eigene Sprachform sind.

Eine von vielen gemochte Farbe führt zu einem positivem Image, und ein positives Image ermöglicht eine positive Identität. Grün zum Beispiel impliziert Ruhe, Natur, Gesundheit, Nachhaltigkeit. Mehr noch: Hoffnung, Wachstum, Balance. Es wirkt ausgleichend, heilend, friedlich, beruhigend, harmonisierend.

Blau hingegen ist ohne Zweifel immer gut. Blau strahlt Zuverlässigkeit, Ruhe und Stärke aus. Es steht für Sehnsucht, Treue, Vertrauen, aber auch – haben wir den „Blues“ – für Traurigkeit und Melancholie. Blau hat die Tiefe, Treue und Sehnsucht und all das irgendwie ewiglich.

Wählte Mark Zuckerberg ‚blau‘ als Facebook-Farbe, weil sein Netzwerk vielleicht ewig treu und vertrauensvoll sein sollte? Genau besehen hatte das einen anderen Grund: Zuckerberg hat seit seiner Geburt eine Rot-Grün-Sehschwäche, und die Farbe Blau nimmt er offenbar am deutlichsten wahr.

Rot schließlich ist so vital wie das Leben und steht für Energie, Lebenskraft, Stärke, ebenso für das Edle und Elegante, für Rebellion, Revolution und zugleich für Sexualität und Verführung. Der Zusammenhang liegt nahe.

Obwohl weder Wort noch Zeichen kommunizieren Farben so stark, dass sie für Mode und Design eine eigene Sprachform sind. Studien aus der Psychologie legen nahe, dass Kaufentscheidungen zu über 80 Prozent durch die Wirkung von Farben getroffen werden, mehr noch: dass Zweidrittel der Käufer Produkte nur in den von ihnen präferierten Farben kaufen.

Das heißt kurzum, dass visuelle Elemente und besonders Farben fast jede Kaufentscheidung mehr oder weniger stark beeinflussen, weil sie unsere Sinne berühren und auf spielerisch animierende Weise klare Botschaften transportieren. Und manchmal die Grenze zwischen Mensch und Kosmos aufheben, weshalb Farben in den Installationen, Happenings und Kunstwerken der japanische Avantgarde-Künstlerin Yayoi Kusama eine eminente Rolle spielen.

Als Wegbereiterin der Pop-Art im New York der 1960er Jahre vervollkommnete sie das, was bis heute ihr Markenzeichen ist: farbige Punkte auf Objekten verschiedener Materialien.

So, wie sie auch auf den dunkelgelben Kürbissen zu sehen sind, die seit 2016 in den Galerien der ganzen Welt unter dem Titel ‚All the Eternal Love I have for Pumpkins‘ als durch Spiegel vervielfachte Wunderwelt des Unendlichen ausgestellt werden.

Runwaylooks von Akris, Christian Dior und Tod´s (von li. nach re.) in der von Pantone gekürten Trendfarbe 13-0646 TCX Meadowlark.
© PANTONE Color Institutes™, gorunway.com

Gelber Fluss hin, Yayoi Kusama her – zu klären ist jetzt noch die Frage nach Meadowlark. Meine Assoziationen gingen von tiefem Violett bis edlem Graugrün, aber je mehr ich in das Mysterium Meadowlark einstieg, desto blasser wurde ich. Sie, die tonangebende Farbe 2018, ist: Gelb! Imperiales Gelb. Soll das heißen, uns steht eine chinesische Ära bevor?

Wirtschaftlich lässt sich das hier und da ja bereits spüren. Aber nein, für ein kräftiges, kühles, Sonnengelb haben sich die Designer nicht vom Gelben Fluss oder der Ewigen Stadt, sondern offenbar von einer kurz zuvor stattfindenden Sonnenfinsternis inspirieren lassen.

Womöglich drückt Meadowlark die Hoffnung auf die ewige Wiederkehr der Sonne, des Lichts, der Verheißung, der Energie angesichts von reichlich Irrsinn und Wirrungen in diesen Zeiten aus.

Oder es ist ganz anders. Schuhe, Taschen und Kleider in kühlem Sonnengelb lassen sich bestens kombinieren mit existentialistischem Schwarz oder jenseitigem Weiß. Dann hat Gelb die Frische eines Aufbruchs und irgendwie erhabener Grazie.

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr stehe ich auf Meadowlark. Und vielleicht reise ich deswegen wieder einmal ins Reich der Mitte, im Gepäck schwarze Jacke, blaue Hose und das T-Shirt in kaiserlichem Meadowlark.

Christian Schüle, freier Autor und Publizist © Markus Röleke