Szene aus dem Science-Fiction-Thriller „Ex Machina“: Der Programmierer Caleb soll zum Studienobjekt Ava (Alicia Vikander, Foto), ein weiblicher Roboter mit Künstlicher Intelligenz, eine Beziehung aufbauen. © ddp images
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future love

Mit der großen Liebe ist es noch nie einfach gewesen. In Zukunft könnte manches an unserer Liebeskultur noch komplizierter und vielfältiger werden. Wie der Mensch künftig seine Beziehungen gestalten wird, erzählt Matthias Horx in seinem Buch „Future Love. Die Zukunft von Liebe, Sex und Familie”.

Hat die Liebe eine Zukunft? Diese absurde Frage wird mir als Zukunftsforscher immer wieder – mit einem Unterton der Verzweiflung – gestellt. Absurd scheint sie schon deshalb, weil wir in einer von der Liebe geradezu besessenen Kultur leben. Geht es nicht überall und allerorts nur noch um „das eine“? Wohin man schaut: Liebesdramen, Traumhochzeiten, Promi-Scheidungen, Internet-Dating. In jeder Zeitschrift geben Beziehungsexperten Rat und in allen Komödien, Dramen und Krimiserien stehen immer Liebesfragen und -formen im Mittelpunkt. Selbst in „Game of Thrones“, der Kultserie unserer Tage, geht es außer um Macht vor allem um die Liebe.

Die Liebe gehört zur menschlichen Existenz. Und doch lässt uns irgendetwas an ihrer Zukunftsfähigkeit zweifeln. Nein, nicht die „ständig steigenden Scheidungsraten“ – die sind nämlich ein Gerücht. Seit etwa einem Jahrzehnt gehen diese in den meisten europäischen Ländern

wieder zurück. Die Phase der „großen Auflösung“, als man glaubte, wir würden irgendwann alle nur noch in kleinen Single-Wohnungen leben, ist längst vorbei. Was sich heute besonders schnell ändert, ist jedoch unser Umgang mit dem Lieben und dem Verliebtsein. Die Ansprüche an die schönste Sache der Welt wandeln sich radikal und das führt zu unglaublichen Turbulenzen.

Um das moderne Liebesdrama zu verstehen, hilft es, das Phänomen „Liebe“ aus der Millionen Jahre dauernden Evolution der Menschheit heraus zu verstehen. Praktisch alle Urkulturen kennen die Zärtlichkeit, die Intimität, die Nähe zweier ineinander verliebter Menschen. In den heute noch existierenden Stammeskulturen wird die Verliebtheit nicht selten als eine Art „magischer Wahn” angesehen, der mit Ritualen und Tänzen beschworen und gefeiert wird.

Die Liebe gehört zur menschlichen Existenz. Und doch lässt uns irgendetwas an ihrer Zukunftsfähigkeit zweifeln.

Wozu dieser Energieaufwand, der bei den meisten Tierarten nicht zu beobachten ist und uns früher oder später eine Menge Ärger einbringt? Der Mensch ist ein ganz besonderes Säugetier. Menschenkinder kommen in einem Zustand völliger Unreife und Hilflosigkeit zur Welt. Ohne jahrelange intensive Hilfe und Zuwendung würden sie nicht überleben. Und genau dafür hat die Evolution sozusagen ein Programm ersonnen. Eine Art Verhaltens-Emotions-Modul, das unweigerlich abzulaufen beginnt, sobald wir uns in jemanden „vergucken“.

Die romantische Liebe ist eine Art neuronales und hormonelles Rausch-Programm, das Mann und Frau in die Lage versetzt, die gemeinsame Fürsorge für einen Säugling zu übernehmen. Liebe ist der Klebstoff, den die Evolution erfunden hat, um die Fortdauer einer empfindlichen Spezies mit einem sehr großen Hirn zu garantieren. Wie alle evolutionären „Erfindungen“ hat auch diese ihren Preis. Nach rund vier Jahren lassen die Wirksamkeit der Testosterone, Östrogene und Oxytocine, der wesentlichen Sex- und Bindungshormone, nach. Wie bei einem Süchtigen, der entweder die Dosis erhöhen muss oder in den kalten Entzug gerät, lässt die Leidenschaft nach, wenn die Rezeptoren sich an den „Stoff“ der Liebe gewöhnt haben.

Warum vier Jahre? Das ist tatsächlich die Zeitspanne, in der die meisten Paare ihre erotische Spannung verlieren (gewiss, es gibt Ausnahmen). In Jäger-und-Sammler-Gemeinschaften herrschte kommunale Erziehung durch Onkel, Tanten, Schwager und Schwippschwägerinnen. Die Idee von Helicopter-Mums und Boomerang-Kids, die mit 24 Jahren wieder zurück zu ihren Eltern ziehen, war damals völlig unbekannt. Die Eltern konnten nach vier Jahren wieder für den Erhalt der Gemeinschaft sorgen. Oder mehr Kinder bekommen.

Mit dieser Erkenntnis über die “Liebeskaskade”, die von der Evolution aus Überlebensgründen quasi erfunden wurde, lassen sich viele unserer heutigen Liebesturbulenzen erklären. Denn inzwischen hat sich unsere “Liebesumwelt” radikal verändert.

Für unsere Großeltern war die Phase des Verliebtseins noch relativ kurz. Mitte zwanzig war man verheiratet und blieb es auch lebenslang. Im Laufe seines jungen Lebens lernte man im Nachbardorf oder in der nächsten Kleinstadt vielleicht drei, vier mögliche Partner kennen. In der modernen Großstadtwelt scheint die Liebe wiederum auf eine unglaubliche Weise kompliziert geworden zu sein.

Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx © Klaus Vyhnalek

Warum vier Jahre? Das ist tatsächlich die Zeitspanne, in der die meisten Paare ihre erotische Spannung verlieren (gewiss, es gibt Ausnahmen). In Jäger-und-Sammler-Gemeinschaften herrschte kommunale Erziehung durch Onkel, Tanten, Schwager und Schwippschwägerinnen. Die Idee von Helicopter-Mums und Boomerang-Kids, die mit 24 Jahren wieder zurück zu ihren Eltern ziehen, war damals völlig unbekannt. Die Eltern konnten nach vier Jahren wieder für den Erhalt der Gemeinschaft sorgen. Oder mehr Kinder bekommen.

Mit dieser Erkenntnis über die “Liebeskaskade”, die von der Evolution aus Überlebensgründen quasi erfunden wurde, lassen sich viele unserer heutigen Liebesturbulenzen erklären. Denn inzwischen hat sich unsere “Liebesumwelt” radikal verändert.

Für unsere Großeltern war die Phase des Verliebtseins noch relativ kurz. Mitte zwanzig war man verheiratet und blieb es auch lebenslang. Im Laufe seines jungen Lebens lernte man im Nachbardorf oder in der nächsten Kleinstadt vielleicht drei, vier mögliche Partner kennen. In der modernen Großstadtwelt scheint die Liebe wiederum auf eine unglaubliche Weise kompliziert geworden zu sein.

Das fängt mit der Partnerwahl an, für die es heute super effektive technische Assistenten und millionenfache Auswahl gibt. Aber je mehr Auswahlmöglichkeiten wir haben, desto verwirrter werden wir. Wer ist der oder die Richtige? Sollten wir überhaupt noch einen “Richtigen” wählen?

Die Individualisierung hat uns alle anspruchsvoll gemacht, was die Qualität der Liebe betrifft.

Die “Polyamorie” wird derzeit heftig in den Medien verhandelt. Die einen wollen dem Liebesdrama in Richtung auf “offene Beziehungen” entkommen. Die anderen übertreiben es eher in die andere Richtung. Sie heiraten so romantisch und nostalgisch, dass die Hochzeit schon einmal 30.000 Euro kostet und mit 50 singenden Brautjungfern in einer Tropfsteinhöhle mit 10.000 Kerzen stattfindet. Doch diese Romantik macht die Liebe nicht dauerhafter. Nur die Paar-Schulden höher – in jeder Hinsicht.

Unser instinktives biologisches Liebes-Programm passt einfach nicht mit den soziokulturellen Veränderungen zusammen. In der Vergangenheit starben die Menschen früh – schon deshalb musste man in Sachen Partner variabel und flexibel sein. Heute ist man vielleicht 50 Jahre zusammen,

aber anders als unsere Großeltern verlangt man in dieser Zeit weiterhin Leidenschaft, Intensität und Sex.

Die Individualisierung hat uns alle anspruchsvoll gemacht, was die Qualität der Liebe betrifft. Paare gehen äußerst unterschiedlich mit dieser Herausforderung um. Manche resignieren, andere gehen zur Ehetherapie, legen sich Liebhaber zu oder gehen in den Swingerclub — oder resignieren. Alle haben das Problem des Widerspruchs von Distanz und Nähe: Zu viel Nähe tötet die Erotik, zu viel Distanz führt zur Entfremdung. Die meisten Ehen werden heute geschieden, nachdem die Kinder aus dem Haus gegangen sind. Wie geht die Geschichte der Liebe weiter? Eine Antwort darauf, finden Sie im Artikel „Die drei Szenarien der Liebe“.