Aya Sato und Michel Comte trafen sich in Wien zum Gespräch über Zeit
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Eine ganze Weile schon hatte Michel Comte auf den Moment gewartet, in dem er Aya Sato fotografieren kann. Anfang Juni, beim Shooting im Schloss Hof bei Wien, war es endlich soweit: Aus der intensiven Zusammenarbeit ist eine neue tiefe Freundschaft entstanden. In unserem Gespräch diskutieren Madonnas Tänzerin Aya Sato und Michel Comte über Zeitmanagement, besondere Momente im Leben und warum manche Dinge die Zeit überdauern. Darüber hinaus erfahren Sie Interessantes über das Shooting „Cybergothic-Girl meets Marie Antoinette – eine Sinfonie der Kontraste“.

Aya Sato: Bei unserem Shooting prallen die verschiedensten Elemente aufeinander. Man könnte fast sagen, es findet eine Art kulturelle Explosion statt. Wie kamst Du auf diese Idee?

Michel Comte: Mir gefiel der Gedanke, mit Dir auf Zeitreise zu gehen und fantasievoll das zu mischen, was auf den ersten Blick konträr ist und nicht unbedingt zusammengehört. Ich finde es spannend, wenn Vergangenheit auf Zukunft und Tradition auf Moderne trifft oder wenn verschiedene Kulturen zusammengeführt werden.

Aya Sato: Oh ja, meist entsteht dann ein einzigartiger, eklektischer Look.

Michel Comte: Egal, ob man sich in der Welt der Mode, des Films oder im Designbereich umsieht, im Grunde genommen geht es andauernd um Retro-Futurismus. Die meisten Designer lassen sich regelmäßig von verschiedenen historischen Epochen und Stilen inspirieren und kombinieren dann zeitgenössische, innovative Elemente dazu.

Zum Beispiel Jean Paul Gaultier. Er präsentiert auf dem Laufsteg immer wieder Krinolinen, eine Art Reifrock, aus allerlei Materialien. Oder man denke an Domenico Dolce und Stefano Gabbana, deren Signature-Piece die Korsage ist. Seit über 30 Jahren zelebrieren sie die Sanduhren-Silhouette und die damit verbundene Retro-Feminität. Aber zurück zum Shooting. Wir sind hier in Schloss Hof, einem geschichtsträchtigen Ort. Das Schloss wurde 1620 gebaut und war unter anderem die Sommerresidenz von Kaiser Franz I. und Maria Theresia, der Mutter von Marie Antoinette.

Aya Sato: Meine Rolle ist also eine Art moderne Marie Antoinette?

Michel Comte: Mir gefiel der Gedanke, dass Du von hinten wie Marie Antoinette aussiehst, doch sobald Du Dich umdrehst, sehen wir Dich: eine japanische Ikone, eine Art Manga-Girl, einen Neo-Punk.

„Aya Sato” by Michel Comte, Schlosshof, 2017

Aya Sato: Ein Riesenkontrast zu meinem sonst Gothic-mäßigen Look, der cool, streng und dunkel ist. Das natürliche Make-up heute, das Styling, die Location – das alles fühlt sich völlig anders und neu für mich an. Es ist eine echte Herausforderung für mich, aber ich liebe es, Neues zu lernen. Hättest Du gerne im 18. Jahrhundert, hier im Schloss gelebt, Michel?

Michel Comte: Da ich die meiste Zeit auf dem Land verbringe und zudem sehr neugierig und tiefgründig bin, fände ich das durchaus reizvoll. Aber unter keinen Umständen in Frankreich. In Österreich schon eher. Sie hatte damals eine ganz gute Zeit. Wie sieht es bei Dir aus?

Aya Sato: Ich bin ein absolutes Future-Girl. Mich interessiert nur die Zukunft oder warum ich im Diesseits bin. Es klingt sicherlich etwas komisch, doch ich habe das Gefühl, dass ich geboren wurde, um etwas Neues zu kreieren. Ich möchte neue Türen öffnen und etwas bewirken. Sozusagen eine neue Welt in dieser Welt schaffen.

Über Zeit mache ich mir generell keine Gedanken. Beziehungsweise wenn ich es mir genau überlege, habe ich keine Zeit, um an Zeit zu denken.

Michel Comte: Zeit ist das, was Du daraus machst. Viele Leute fragen mich: „Michel, wie kommt es, dass Du immer für alles Zeit hast? Arbeitest Du überhaupt?“ Das Geheimnis dahinter ist ziemlich einfach. Auch wenn ich permanent am Arbeiten bin, bin ich Herr über meine Zeit. Das Gefühl keine Zeit zu haben, kenne ich fast nicht. Zeitmanagement ist nichts anderes als Selbstmanagement. Wie Du während des Shootings sicherlich gemerkt hast, bin ich nicht gestresst. Das liegt daran, dass ich bestens vorbereitet ans Set komme und meinem Team vertraue. Darüber hinaus hänge ich ein Moodboard mit meinen Ideen auf und gebe allen Beteiligten klare Anweisungen. All das trägt dazu bei, dass das Shooting ruhig und schnell verläuft.

Zeit ist das, was Du daraus machst. Denn Zeitmanagement ist nichts anderes als Selbstmanagement.

Michel Comte: Dieses Jahr ist so schnell vergangen. Wir haben jetzt schon Juli. Doch irgendwie fühlt es sich so an, als wäre nur ein Tag vergangen.

Aya Sato: Ich empfinde es eher als eine lange Zeit.

Michel Comte: Du bist verrückt. Was ich Dir noch sagen wollte: Du bist für mich – und nicht aus dem Grund, weil du mit Madonna arbeitest – ein echtes It-Girl. Auf der Welt gibt es nur wenige Personen, die das gewisse Etwas haben. Madonna gehört dazu, auch SoKo. Ihr drei seid It-Girls, weil ihr weder trivial noch oberflächlich seid, sondern weil ihr für etwas steht.

Du hast eine große, (aus )strahlende Persönlichkeit. Wenn Du einen Raum betrittst, dann beginnt er zu leuchten. Du hast – ob bewusst oder unbewusst – eine außergewöhnliche Person erschaffen.

Aya Sato: Es freut mich sehr, das von Dir zu hören. Auch ich muss Dir ein Kompliment machen: Du bist unglaublich inspirierend. Ich arbeite mit vielen Menschen zusammen, doch Du hast mir in den vergangenen Tagen so viele Denkanstöße gegeben, wie niemand zuvor. Ich habe unheimlich viel dazugelernt. Das ist toll.

„Aya Sato” by Michel Comte, Schlosshof, 2017

Michel Comte: Michael Jackson, David Bowie oder auch John Galliano, Alexander McQueen und Steven Meisel, sie alle – und wenn wir Glück haben, sagt man das auch einmal von uns beiden – sind zeitlos. Wir erneuern uns alle fortlaufend und bleiben uns dennoch treu. Wir sind keine Mitläufer, sondern erschaffen eine Welt und haben Einfluss auf Menschen. Für mich bist Du eine Ikone. Wie hast Du Deine Persönlichkeit, Deinen eigenen Stil kreiert?

Aya Sato: Es fällt mir schwer, über mich selbst zu sprechen. Und ehrlich gesagt, könnte ich morgen bereits meine Meinung wieder ändern. Und dann wäre alles wieder anders. Das Einzige, was ich beim Arbeiten zwingend brauche, ist ein Spiegel. Nur so weiß ich genau, welche Posen funktionieren. Was Mode betrifft, so habe ich kein bestimmtes Lieblingslabel. Ich habe vor allen Designern großen Respekt.

Michel Comte: Das spannende an der Mode ist, sie bringt alles zusammen. Sie ist der Spiegel der Zeit. Die Kreationen sind entweder kurzlebig oder zeitlos. Dazwischen gibt es nicht viel.

Zeitlose Klassiker wiederum gibt es in sämtlichen Bereichen. Sei es die Handtasche von Chanel, die Schuhe von John Lobb, der Ferrari 250 GT Spyder oder auch Personen wie Audrey Hepburn oder Gianni Agnelli. Er war zeitlebens so elegant, dass man ihn auch ohne Kleidung erkannt hätte. Ein Freund von mir versucht, mich immer zu kopieren. Er kauft die gleichen Autos und Designerkleidung wie ich, doch die Sachen passen überhaupt nicht zu ihm. Er sieht lächerlich damit aus. Das beweist, dass man mit Geld keine Klasse kaufen kann. Klasse und Stil – ich nenne es „natürliche Eleganz“ – hat man oder hat man nicht. Man kann es nicht erzwingen. Daher gibt es nur wenige Menschen, die dies haben. In SoHo gibt es beispielsweise einen Landstreicher. Er sieht wie eine Kunstinstallation aus, die von Rei Kawakubo designt sein könnte. Für mich ist er einer der elegantesten Männer auf der Welt. Was sind für Dich zeitlose Klassiker?

Das spannende an der Mode ist, sie bringt alles zusammen. Sie ist der Spiegel der Zeit.

Aya Sato: Das frägst Du eine Japanerin? Mein Land ist klein und alles ist unglaublich schnell. In Japan tauchen Leute wie ich jeden Tag auf. Bei uns gibt es nicht so eine Loyalität wie in Europa. Auch haben wir einen anderen Bezug zu Dingen. Das Einzige was mir in den Sinn kommt, sind unsere Shintō-Schreine. Sie existieren seit über 1300 Jahren und sind, auch wenn sie alle 20 Jahre abgerissen und von Hand wieder komplett neu errichtet werden, das Symbol für die Ewigkeit. Ein anderes Thema, Michel. Was ist für Dich ein besonderer Moment in Deinem Leben?

Michel Comte: Wenn ich mit Ayako zusammen bin.

Aya Sato: Das ist sehr romantisch. Und du hast absolut Recht. Schlussendlich sind es die Begegnungen mit Menschen, die unser Leben lebenswert machen. Das Tolle daran ist auch, dass die glücklichsten Momente oft nichts kosten.