Hongkong bei Nacht © Mauritius Images
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willkommen im „the murray“

Brandneue Hotels gibt es immer wieder – denkmalgeschützte Gebäudekomplexe jedoch, die zu Hotels umgebaut werden, haben ihren ganz eigenen Reiz.

In China kann man sich beispielsweise im Sommerpalast von Aman einfühlen, wie dort einst die Höflinge auf eine Audienz bei Kaiserwitwe Cixi gewartet haben müssen.

Auch in einer Zurückmühle aus der Mao-Ära in der Nähe von Alila Yangshou lebt die Vergangenheit auf; und dann gibt es dank der renovierten Shikumen-Villas noch den romantischen Charme des Shanghais des frühen 20. Jahrhunderts.

Nun also: der perfekte Platz für all jene, die schon einmal davon geträumt haben, im späten 20. Jahrhundert als Bürokrat in Hongkong gelebt zu haben.

Gut, das ist vielleicht ein wenig unfair, denn das Murray – offiziell The Murray, Hong Kong, ein Niccolo-Hotel – ist tatsächlich sehr stilvoll; gleichsam beweist das Hotel, wie mutig es ist, sich neu zu erfinden.

Die 336 Zimmer befinden sich in einem 1969 erbauten ehemaligen Bürokomplex, in dem einst ein Großteil der wichtigsten Behörden Hongkongs beherbergt war. Im Jahr 2011 an die Wharf Group verkauft, wurde das Murray von der Hotelmanagement-Tochter Wharf Hotels für eine Milliarde USD umgebaut.

Das Murray eröffnete am 15. Januar als Flaggschiff der Niccolo-Gruppe und ist gleichsam das erste neue Objekt seiner Klasse, das im vergangenen Jahrzehnt in Hongkong seine Pforten geöffnet hat.

Für die Sanierung des berühmten Komplexes mussten sich die Verantwortlichen durch den nicht weniger komplexen Behördendschungel Hongkongs wühlen. Das Murray war eines von acht Gebäuden, das 2009 ins „Conserving Central“ Programm der Regierung aufgenommen worden war; Ziel war es, die einzigartige Architektur und die wertvollsten Immobilien des Viertels (teils auch mit windigen Projektentwicklern) zu erhalten und ihnen gleichsam neues Leben einzuhauen. Lange war unklar, ob die Komplexe Regierungs- oder Privateigentum werden sollten. 2010 fiel die umstrittene Entscheidung zur Privatisierung.

Das Murray vom benachbarten Hongkong Park aus © Callaghan Walsh

Das Ergebnis des „Conserving Central“ Programms war durchwachsen. Restaurierungen der Central Police Station und des langsam verfallenden Central Markets verzögerten sich. Kein Wunder also, dass bei den Feierlichkeiten zur Fertigstellung des Murrays im vergangenen Dezember eine sichtlich erleichterte Carrie Lam – Chief Executive und Vorreiterin des „Conserving Central“ Programms, die an verschiedenen Punkten ihrer Karriere selbst in dem Gebäudekomplex gearbeitet hatte – sagte, dass „die Schönheit und das Potential dieses wundervollen Gebäudes“ nun endlich neu erstrahle.

Schon von außen wird klar, dass das Gebäude etwas Besonderes ist. Tiefe, in die Elfenbeinfassade eingelassene Fenster sorgen für grafische Aspekte – konzipiert wurden das Design 1955 vom englischen Architekten Ron Phillips, der die Menschen, die im Innern des Komplexes arbeiteten, vorm tropischen Licht in Hongkongs langen Sommern schützen wollte. Und so wurde das Gebäude zu einem Vorreiter in Sachen nachhaltigem Design – und 1994 mit einem Energieeffizienz-Award ausgezeichnet. Phillips meint, mit Blick auf die glänzenden reflektierenden Wolkenkratzer in der Umgebung, dass nur wenige seiner Kollegen diese Lektion gelernt hätten.

Das 27-stöckige Gebäude liegt an einer Steigung zwischen dem berühmten Hongkonger Hafen und dem Wohnviertel Mid-Levels. Phillips stabilisierte den Komplex seinerzeit mit geschwungenen Bögen; die charakteristischen Merkmale des Murrays blieben der breiten Öffentlichkeit jedoch lange verborgen, da der Komplex als Regierungsstandort aus Sicherheitsgründen für Fußgänger gesperrt war und so gleichsam zur unüberwindbaren „Insel“ zwischen Hong Kong Park und Botanischem Garten wurde.

Bei der Neugestaltung des Murrays mussten nun also nicht nur die ursprünglichen architektonischen Features respektiert werden – es galt ebenso, die ursprüngliche „Isolation“ von der Nachbarschaft aufzuheben… und nicht zu vergessen, einen OVT am Haupteingang zu erhalten (OVT steht für „Old and Valuable Tree“, für all jene, die mit dem bürokratischen Dialekt Hongkongs nicht ganz so vertraut sind). Eine der ersten Entscheidungen des Architekturbüros Foster & Partners war es, sich mit dem inzwischen 90-jährigen Phillips zu beraten. „Wir haben viel Zeit mit ihm verbracht und ihm unsere Ideen präsentiert“, so der in Hongkong lebende Colin Ward. „Ein faszinierender, aufschlussreicher und inspirierender Prozess.“

Nach der Renovierung respektiert das Murray nun also nicht nur die originären architektonischen Charakteristika des Gebäudes – es modernisiert sie obendrein. Die Parkplätze und ungenutzten Flächen, die den Komplex umgaben, wurden durch Gärten und Spazierwege ersetzt, die mit den umliegenden Straßen verbunden sind. Die zuvor teils verdeckten Bögen wurden auf ihrer vollen Höhe von 11,5 Metern freigelegt und dienen als breite, luftige Portale, die sich zur ältesten anglikanischen Kirche Ostasiens, der St. John’s Cathedral hin, öffnen. Laut Ward war es die Absicht, „den Fußgängerfluss durch den Komplex zu fördern… und dabei eine neue grüne Oase zu schaffen“. Und das ist den Architekten gelungen.

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Das Murray bietet 336 Zimmer im Wohnhaus-Style © The Murray, Hong Kong

© The Murray, Hong Kong

© The Murray, Hong Kong

Die Lobby-Bar des Hotels: Murray Lane © The Murray, Hong Kong

© The Murray, Hong Kong

© The Murray, Hong Kong

Da es sich um ein Hotel handelt, werden die Gäste natürlich mehr Wert auf die Annehmlichkeiten im Innern legen – und auch hier enttäuscht das Murray keinesfalls. Die Großzügigkeit des Außenbereichs setzt sich auch im Innern fort – mit Fenstern, die vom Boden bis zur Decke reichen und Glasscheiben statt Türen als Raumtrenner. Original-Features wie die acht Aufzüge (ein Hotel dieser Größe hätte typischerweise nur die Hälfte) stellen eine Verbesserung statt Belastung aus der Vergangenheit dar; die ehemalige Autoauffahrt dient nun als Decke der Lobby, und außergewöhnlich geformte Fenster geben den Blick auf Kakadus frei, die über das grüne Dach des Botanischen Gartens fliegen.

Das schlichte Design zeichnet sich durch klare, schwarz-weiße und subtile Goldakzente aus. Wohnliche Highlights wie Holzböden und Plüschteppiche in den Zimmern sorgen dafür, dass „alle verwendeten Materialien wirklich zum Ausdruck kommen“, so Ward. Das Ergebnis: Eleganz, die nie prätentiös wirkt.

Selbst wenn man kein Gast des Murrays ist, sollte man sich einen Besuch im Hotel gönnen. Die elegante Murray Lane Lobby-Bar ist längst beliebter Treffpunkt von Bänkern aus der Umgebung; in der luftigen Garden Lounge kann man nachmittags Tee trinken; und das loungige Flaggschiff-Restaurant Taipan bietet eine asiatisch-inspirierte europäische Küche mit erlesener Weinkarte. In den kommenden Monaten werden sich das kantonesische Restaurant Gou Fu Lou von der lokalen Koryphäe André Fu, und die Rooftop-Bar Popinlays dazugesellen.

In einer Stadt, in der das historische Erbe oftmals dem Erdboden gleichgemacht wurde, ist das Murray eine beeindruckende Ausnahme – und beweist, dass es auch für betagte Komplexe aus der Vergangenheit ein zweites Leben geben kann.

Tiefe quadratische Fenster prägten das ursprüngliche Design des Murrays
© Callaghan Walsh
Hoch und lichtdurchflutet: die Lobby des Luxushotels The Murray
© The Murray, Hong Kong

The Murray, Hong Kong
22 Cotton Tree Dr., Central
+852 / 3141 8888
Doppelzimmer ab 460 USD

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der April/Mai 2018 Druckausgabe des Magazins „DestinAsian“ unter dem Titel „Remaking The Murray“, geschrieben von Jonathan Hopfner