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mut und individualität

„Ich möchte außergewöhnliche, spannende und unbekannte Wege einschlagen. Denn so, wie ich stets überrascht werden möchte, möchte auch ich überraschen,“ erzählt Michel Comte. Welchen außergewöhnlichen Weg er bei Breuninger einschlägt und warum Individualität und Mut stets zu bewahren sind erklärt der Künstler und Fotograf im Interview.

Interview: Inga Liningaan Langkay

„Mut und Individualität“ by Michel Comte, Los Angeles 2017 (0:2:28)

Herr Comte, Ihr Denken und Schaffen als Fotograf und Künstler geht stets über das Konventionelle hinaus. Sie erzählen Ihrem Betrachter Geschichten und eröffnen uns Welten, die vielschichtiger sind, als sie auf den ersten Blick scheinen. Das Thema dieser ersten Ausgabe ist Individualismus, die Fotostrecke haben Sie in Japan produziert.

Denn kein anderes Land außer Japan besitzt so viele Facetten und Ebenen und hat eine so ausgeprägte Individualität. Ist modern und traditionsreich zugleich. Das ist doch beinahe paradox – eine der ältesten Kulturen unserer Geschichte, vereint mit modernstem Verständnis für Technologie, eine der höflichsten Gesellschaften, vereint mit einer so kompromisslosen Identität. Dieses Land besitzt eine große Ehrlichkeit und Loyalität der Kultur und sich selbst gegenüber, die ich sehr bewundernswert finde. Es scheint mir auch, als ob das Land selbst noch nicht einmal weiß, wie avantgardistisch es ist. Um das Thema Individualismus zu interpretieren, war es für mich der perfekte Ort.

Hatten Sie bestimmte Aufnahmeorte für die Fotostrecke im Kopf?

Nein, nicht wirklich. Das ist auch nicht nötig. Jede Ecke in diesem Land ist absolut einzigartig. Vielmehr ging es mir darum, eine Stimmung zu vermitteln und ein Gefühl einzufangen. Meine Intention ist es, dem Betrachter einen Einblick in diese einmalige Welt der Individualität zu geben und ihn fasziniert zurückzulassen.

Die Fotoreihe beginnt mit diesem unglaublich schönen Bild voller Kirschblüten, das Sie in Kyoto aufgenommen haben …

… und das im Grunde auch als Sinnbild für Japan, für diese Ausgabe, dieses Projekt und dieses Thema steht. Kirschblüten als Metapher für Neubeginn, Schönheit und Einzigartigkeit. Das Motiv ist nicht nur in dieser Ausgabe zu finden, sondern wurde auch zum Leitmotiv unserer Schaufensterinstallationen. Vergrößert und gedruckt auf unendliche Papierbahnen, besitzt das Bild durch seine Erhabenheit und Eleganz eine phänomenale Stärke und schafft es, uns auf subtile Weise in seinen Bann zu ziehen. Es steht für eine neue und individuelle Schönheit.

Michel Comte für Breuninger. Tokyo, 2016

Was bedeutet Individualität für Sie?

„No money can buy you class.“ Stil kann man sich nicht erkaufen.

Können Sie Ihren Stil etwas genauer beschreiben?

In Sachen Mode bin ich sehr dogmatisch. Ich trage meist Jeans und Jeansjacke, darüber einen Kilt, einen Tuxedo, manchmal einen Kimono. Das sind die Dinge, die für mich persönlich funktionieren und mir meine Identität geben. Daran habe ich, seit ich denken kann, nicht viel geändert. Aber wie gesagt: Der Punkt ist nicht, dass ich eine Jeansjacke trage, sondern dass dieses Kleidungsstück zufällig am besten zu mir passt. Zu jemand anderem mag ein täglich komplett anderer Look passen.

Individualität vielmehr als Einstellungssache also?

Absolut. Ich erinnere mich, dass mein Vater stets zu sagen pflegte: „Kaufe dir nur dann etwas, wenn es dir tatsächlich um die Geschichte, den Kern einer Sache, geht. Kauf dir nie etwas des Status wegen.“ Das ist bis heute in meinem Kopf geblieben.

Allerdings fällt es unserer Gesellschaft heutzutage nicht immer leicht, Statussymbolen zu widerstehen.

Sicherlich. Und dennoch: Wenn du etwas gewollt versuchst, wirst du es nie schaffen. Man muss seinem Bauchgefühl folgen – egal, um was es geht. Das ist ein klischeehafter Rat, aber in ihm steckt am Ende sehr viel Wahres.

Stil kann man sich nicht erkaufen.

Michel Comte für Breuninger. Los Angeles, 2017

Bedeutet modisch zu sein folglich auch mutig zu sein?

Nun, meine Maxime war schon immer „Risk, risk, risk“. Ein berühmter Mann sagte einmal zu mir, dass er mich schätze, weil ich mutig sei. Viel zu oft tendieren wir doch dazu, unsere Entscheidungen vorab kalkulieren zu wollen, und schlussendlich merken wir dann, dass diese Rechnung nicht aufgeht und wir dabei keine wirklich moderne Denkweise haben.

Wann ist in diesem Sinne etwas modern?

Wenn mich etwas oder jemand überrascht. Miuccia Prada ist für mich so jemand. Sie ist eine unglaublich treibende Kraft in der Industrie. Ebenso wie Franca Sozzani es war.

Aber auch Steve Jobs in seiner Einfachheit. Louise Bourgeois war auch mit neunzig modern, ebenso wie der berühmte Verleger Alexander Liberman in hohem Alter. Und dann gibt es Leute, die sind mit dreißig schon alt. Wieder ist die Frage nach Modernität eine Einstellungssache. Durch modernes Denken verändern wir uns und unser gesamtes Umfeld. Unsere Lebensform und Arbeitsweise. Schlussendlich reizt mich ja auch genau das an der Zusammenarbeit mit Breuninger. Ein Traditionshaus, das gerade aufgrund seiner bereits langen Geschichte stets progressiv ist und nach Modernität strebt. Mit einer kurzlebigen Trendmarke zu kollaborieren, würde mich einfach niemals reizen.

Risk, Risk, Risk.

Michel Comte für Breuninger. Los Angeles, 2017

In diesem Magazin geht es Ihnen auch um ein modernes kulturelles Verständnis, um eine Symbiose aus Mode, Kultur, Stil und Leben. Wie definieren Sie den aktuellen Zeitgeist?

Ich glaube, wir leben in einer unfassbar spannenden und hoffnungsvollen, wenngleich auch gefährlichen Zeit. Genau deshalb ist es wichtig, sich Mut und Individualität stets zu bewahren. Und darum geht es mir auch in dieser Kollaboration mit Breuninger. Den modernen und positiven Zeitgeist einzufangen und zu zeigen. Es gibt zu viel Massenware da draußen. Zu vieles passiert zu schnell und ist zu austauschbar. Scheinbar moderne Modeketten versuchen, den Markt zu diktieren, ohne dabei überhaupt irgendeine Individualität zu besitzen.

Es ist unglaublich wichtig, die Menschen immer wieder an Qualität, Einzigartigkeit und Außergewöhnlichkeit zu erinnern, und Kaufhäuser wie Bergdorf Goodman in den USA oder Breuninger hierzulande strahlen genau das aus. Diese Marken haben eine Ethik, die sie vertreten und für die sie bedingungslos einstehen.

Welche Wege möchten Sie mit diesem Projekt gehen?

Nicht die konventionellen. Ich folge nie, niemals. In dem Moment, in dem etwas populär wird, mag ich es nicht mehr. Ich möchte außergewöhnliche, spannende und unbekannte Wege einschlagen, denn so, wie ich stets überrascht werden möchte, möchte auch ich überraschen.

Ich folge nie, niemals.