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gespräche

natürliche schönheit

Michel Comte fotografiert Alyson Le Borges. Die Enkelin von Alain Delon, deren Herkunft eine ebenso interessante Geschichte schreibt wie sie selbst. Sie ist Model und Schauspielerin, die sich nicht auf ihre Wurzeln berufen muss, um ihren Weg zu gehen, und deren Augen und Aura uns dennoch an den großen französischen Filmschauspieler erinnern.

Der nötige Raum für diesen so einmaligen Ausdruck ergibt sich aus der Location selbst – fotografiert wurde in dem Himmelsraum „Above Horizon“, einer Lichtinstallation des legendären Künstlers James Turrell. Seine Räume lassen uns oftmals kein Oben und kein Unten mehr erkennen und spielen mit übersteigerter Wahrnehmung. Sie dringen zuweilen in für uns mystische Sphären ein, wirken dabei klar, geometrisch und nüchtern.

Michel Comte für Breuninger. Los Angeles, 2017

Für dieses Editorial fotografierten Sie die Schauspielerin Alyson Le Borges, die Enkelin von Alain Delon.

Michel Comte: Alyson wirkt auf mich beinahe schon wie eine Wiederverkörperung ihres Großvaters. Die Ähnlichkeit ist zutiefst faszinierend und nicht zu leugnen. Es ist so, als hätte sie ihre Eltern übersprungen und ihr Äußeres, ihr Auftreten rein von ihrem Großvater geerbt.

Ayako Yoshida: Außerdem ist es ja auch unglaublich interessant, wie ein jeder von uns sehr unterschiedlich mit seiner Herkunft umgeht. Alyson zum Beispiel hat sich früh gegen diesen unfassbar bekannten Nachnamen in ihrer Familie entschieden und den Namen ihrer Mutter angenommen, gleichzeitig ist sie aber ihrem Großvater wie aus dem Gesicht geschnitten. Solche Entscheidungen fällt man bewusst, denn Alyson ist eine sehr zurückhaltende und nicht auf die Öffentlichkeit bedachte Person.

Licht ist etwas, das nicht greifbar, dafür aber sicht- und erfahrbar ist.

Michel Comte für Breuninger. Los Angeles, 2017

Gleichzeitig wirkt die Fotografie – wie auch das Styling des Editorials – unglaublich stark, präsent und reduziert. Was war die Idee dahinter?

Michel Comte: Wir wollten eine weitere Facette von Alyson zeigen, die man so zuvor noch nicht kannte. Sie hat diese natürliche Schönheit, die wir in den Bildern aber nicht nur durch ihre offensichtlich feminine Seite zeigen wollten. Ihre starke Präsenz, ihre Kraft sollte in den Vordergrund gestellt und so nüchtern und klar wie nur möglich festgehalten werden. Wenig um sie herum sollte von ihrer Persönlichkeit oder ihrer Aura selbst ablenken. Nicht die Kleidung, nicht der Ort. Alles fokussiert sich auf ihr ausdrucksstarkes Gesicht und ihre so hypnotisierenden Augen.

Ayako Yoshida: Außerdem macht die angesprochene Härte und Stärke sie nicht minder feminin. Vielmehr wird dadurch eine spannende Seite einer Persönlichkeit sichtbar, die man so nicht unbedingt erwartete. Wir wollten Alyson wie auch dem Leser des Magazins zudem Raum zur Betrachtung und Interpretation geben. Durch die starken Kontraste der Farben in der Kleidung, durch hartes Schwarz-Weiß, gepaart mit der Geometrie der Location, sollte ein klares Bild entstehen, das gleichzeitig nicht zu viel vorwegnimmt.

Im Vergleich zum vorangegangenen Magazin könnten sowohl das Model wie auch das Editorial selbst nicht unterschiedlicher sein.

Michel Comte: Darum geht es ja auch. In der Mode, in der Fotografie und hoffentlich auch im Leben. Alle nur möglichen Facetten aufzuzeigen, auszuprobieren und zu verstehen.

Sie haben gerade bereits die Wichtigkeit der Location dieses Editorials angesprochen. Erzählen Sie uns mehr.

Ayako Yoshida: Das Editorial ist in einem der sogenannten Skyspaces von James Turrell entstanden. Er ist einer der bedeutendsten Künstler unserer Gegenwart und ein Meister des Lichts. Seit den 70er Jahren konzipiert er begehbare Installationen und macht sich die Physik des Lichts zunutze. James Turrell war schon immer von der Frage getrieben, wie man mittels Illusionen Räumlichkeit erzeugen kann. Wie man etwas sichtbar machen kann, das nicht greifbar ist. Der Raum, in dem wir fotografierten, nennt sich „Above Horizon“ und befindet sich in Los Angeles.

Michel Comte: Durch den fast leeren Ort, der vor allem durch seine klaren Linien besticht, konnte ich mich völlig auf Alyson und ihre Persönlichkeit konzentrieren. Es hätte nicht gepasst, wären wir diesmal in eine überladene Location gegangen. Ehrlich gesagt müsste es von mir aus, und aus einer rein ästhetischen Sicht, noch nicht einmal die bunten Farbspiele geben. Ich liebe die klare und puristische Idee des Raums und das natürliche Licht.

Michel Comte für Breuninger. Los Angeles, 2017

Turrell spielt durch seine Lichtkunst zusätzlich auch mit unserer Wahrnehmung, lässt uns unterschiedliche Lichtarten verstehen und sensibilisiert uns dafür.

Ayako Yoshida: Absolut. In „Above Horizon“ geht es nicht einfach nur um Licht, sondern um gefärbte, sich konstant verändernde Lichtverhältnisse. Was James Turrell uns mit seinem Kunstwerk zeigen will, wird ebenso in Michels Fotografien deutlich: Licht ist etwas, das nicht greifbar, dafür aber sicht- und erfahrbar ist.

Turrells Arbeiten handeln nicht von Licht, sondern sind Licht. Bei Ihnen scheint das nicht viel anders zu sein. Was genau bedeutet Licht für Sie selbst und in Ihrer Arbeit?

Michel Comte: Es bedeutet alles. Wir könnten ohne Licht nicht leben, oder? Wir nehmen es als etwas Gegebenes an, ohne darüber wirklich nachzudenken. Die Verbindung zwischen der Arbeit eines Lichtkünstlers und der eines Fotografen ist ohnehin interessant. Denn wenn man genauer darüber nachdenkt – auf einer etwas abstrakteren Ebene – sind Fotografien auch nichts anderes als eine Darstellung von Licht. Filme werden belichtet, Abzüge in einer Dunkelkammer entwickelt. Alles steht und fällt mit Licht.

Welches Licht mögen Sie am liebsten? Gibt es ein Licht, am Tag oder in der Nacht, bei dem Sie am liebsten arbeiten?

Michel Comte: Ich bin ein Morgenmensch. Ich verpasse keinen einzigen Sonnenaufgang. Insofern könnte man wohl sagen, dass mein Auge das Morgenlicht sehr gerne mag. Was allerdings das Fotografieren betrifft, gibt es keine bestimmte Zeit, die ich präferiere. Sehr gute Bilder können immer entstehen, egal ob es regnet oder die Sonne scheint. Vielmehr muss man die unterschiedlichen Lichtgegebenheiten und -phänomene verstehen und bereit sein, sich darauf einzulassen. Dann muss man auch nicht auf irgendeinen besonderen Tag warten.

Und wie sieht ein perfektes Licht für eine klassische Studiofotografie in Ihren Augen aus?

Michel Comte: In diesem Editorial habe ich in einer Kunstinstallation fotografiert, das ist etwas ganz anderes und außergewöhnlich. Diese besonderen Lichtverhältnisse wollte ich logischerweise dann auch in die Bilder adaptieren. Wenn es allerdings um gewöhnliche Studioaufnahmen geht, arbeite ich mit nur einem Licht. Alles andere ist unnötig. Dort draußen haben wir ja auch nur eine einzige Sonne, warum sollten wir uns also in einer künstlichen Umgebung plötzlich anders verhalten?

Alles fokussiert sich auf ihr ausdrucksstarkes Gesicht.