Michel Comte
gespräche

nutze deine zeit

Er steht permanent vor der Kamera oder ist im Flugzeug für das nächste Projekt unterwegs. Gerade hat er für unsere Edition n°5 Madonnas Tänzerin Aya Sato in der imposanten Schlosskulisse des größten österreichischen Marchfeldschlosses in Szene gesetzt. Was der Fotograf morgens um 4.30 Uhr am liebsten macht, für was er nie Zeit hat oder wohin er mit einer Zeitmaschine reisen würde, erzählte er uns beim Interview in Wien.

Benjamin Franklin, einer der Gründerväter der Vereinigten Staaten, formulierte 1748 die berühmten Worte: „Time is money“. Gilt das immer noch?

Michel Comte: Nein. Zeit ist Zeit. Und Geld ist Geld.

Empfinden Sie Uhren nicht auch als moderne Diktatoren?

Michel Comte: Das Gefühl keine Zeit zu haben, kenne ich fast nicht. Zeitmanagement ist nichts anderes als Selbstmanagement. Beziehungsweise Zeit ist das, was Du daraus machst. Wer an Zeit denkt, wird zum Sklaven der Zeit. Ich möchte von Nichts und Niemandem abhängig sein. Aus diesem Grund habe ich auch nie fest angestellt gearbeitet oder mich nach Stempeluhren gerichtet.

Wann und wie beginnt Ihr Tag?

Michel Comte: Ich stehe fast jeden Tag um 4.00 oder 4.30 Uhr auf. Somit habe ich genügend Zeit, um für mindestens eine Stunde in die Natur zu gehen. Früher bin ich geritten, heute laufe ich sechsmal die Woche.

Gibt es etwas, wofür Sie nie Zeit haben?

Michel Comte: Für Gossip. Darüber hinaus möchte ich meine Zeit auch nicht mit Menschen verbringen, die dumm sind. Ich wiederhole mich nicht gern. Auch ist die Zeit viel zu schade, um sich über Dinge zu unterhalten, die keinen Sinn ergeben. Man sollte jede Minute nutzen und sich darauf konzentrieren, etwas Positives zu tun.

Schauen Sie gerne zurück bzw. schwelgen Sie gerne in alten Erinnerungen?

Michel Comte: Zurückzublicken hat durchaus etwas Gutes. Wenn man sein Leben Revue passieren lässt, sieht man alles: sämtliche Erfolge und natürlich auch Dinge, die schiefgelaufen sind. Man lernt viel dabei und kann seinen Weg korrigieren oder optimieren. Auch erinnert man sich wieder an Sachen, die man völlig vergessen hatte. In solchen Momenten kann ich es oft gar nicht glauben, was ich schon alles erreicht und gemacht habe. Heutzutage ist man oft mit tausend Dingen gleichzeitig beschäftigt, so dass man das Gefühl hat, man macht gar nichts.

Zeit ist das, was Du daraus machst. Wer an Zeit denkt, wird zum Sklaven der Zeit.

Statt auf seine Armbanduhr schaut fast jeder heute auf sein Handy, wenn er die Uhrzeit wissen möchte. Sind Smartphones, Apps und Co. für Sie Fluch oder Segen?

Michel Comte: Nun, ohne sie geht es nicht mehr. Wie mit vielen anderen Dingen müssen wir damit leben und das Gute daraus ziehen. Wir müssen nur aufpassen, dass der Medienkonsum nicht zu einem Beziehungskiller wird. Man sieht inzwischen so viele Menschen, die dauernd mit Ihrem Smartphone beschäftigt sind. Auch in Restaurants sitzen sich Paare gegenüber und kommunizieren nicht mehr miteinander, weil das Smartphone wichtiger ist.

Wie entspannen Sie im Alltag?

Michel Comte: Gerade jetzt mit Ihnen hier beim Interview. Oder zum Beispiel auch bei Shootings. Wie Sie sicherlich gemerkt haben, ist das Shooting ruhig, schnell und ganz entspannt verlaufen. Woran das liegt? Ich komme nicht nur bestens vorbereitet ans Set, sondern vertraue auch meinem Team. Vor dem Shooting erstelle ich immer ein Storyboard, d.h. ich skizziere die einzelnen Situationen auf. Darüber hinaus hänge ich ein Moodboard mit meinen Ideen auf und gebe allen Beteiligten klare Anweisungen. Jeder weiß somit genau, was er zu tun hat.

Gelingt es Ihnen, auch mal gar nichts zu tun?

Michel Comte: Durchaus. Doch wenn ich Urlaub habe, nehme ich mir ehrlich gesagt meistens Zeit für Kultur. Anfang des Jahres sind Ayako und ich zum Beispiel ein Monat lang durch Japan gereist. Wir haben viel gesehen und die wichtigsten Shintō-Schreine besucht. Es war eine unglaublich schöne und spirituelle Reise. Eine Reise voller Kultur und Kunst. In drei oder vier Wochen, wenn wir von Los Angeles wieder zurück sind, nehmen wir wieder eine Auszeit. Ich würde gerne in die Wüste fahren, aber mal sehen.

Wenn Sie eine Zeitmaschine besäßen und probehalber in einer Epoche leben könnten, wohin würden Sie dann gerne reisen?

Michel Comte: Da fällt mir nur eine Destination ein: Ich würde mich sofort in den Sommer 1969 katapultieren. Genauer gesagt in die US-amerikanische Kleinstadt Bethel, wo drei Tage lang „Love, Peace & Music“ regierte. Woodstock ist das einzige große Konzert, das ich in meinem Leben verpasst habe. Es wäre großartig „Purple Haze“ von Jimi Hendrix auf der Wiese liegend zu hören.