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„La Muralla Roja", Calpe, Alicante, Spanien, 1973. Mit diesem Bau hat Ricardo Bofill ein erstes Statement der Postmoderne gesetzt © Salva Lopez / courtesy of gestalten, Ricardo Bofill, Gestalten 2019

„Les Espaces d’Abraxas“ mit ihren etwas mehr als 600 Wohnungen sind ein theatralischer Ort in der Banlieue von Paris. Die monumentalen Betonblöcke in Form eines Palastes, eines Triumphbogens und eines halbrunden „Theaters“ waren schon die Kulisse unzähliger Musikvideos und Spielfilme. © Ricardo Bofill Taller de Arquitectura, Ricardo Bofill, gestalten 2019

Rechts: Die „La Muralla Roja" an der Costa Blanca. Links: Mit dem Projekt „Walden 7“ in einem Vorort von Barcelona setzte sich Ricardo Bofill 1975 ein Denkmal. Er schuf eine extravagante, weitgehend autarke Wohnburg für 1000 Menschen, die noch heute wie ein tollkühner Vorgriff auf eine ferne Zukunft wirkt. © Salva Lopez for Monocle, Ricardo Bofill, Gestalten 2019

Die Wohnanlage „Les Colonnes de Saint-Christophe” im Randbezirk von Paris beinhaltet 380 Apartments und wurde in den 1980er Jahren erbaut. © Gregori Civera / courtesy of Ricardo Bofill Taller de Arquitectura, Ricardo Bofill, gestalten 2019

Wie eine monumentale Festung ragt „Muralla Roja“ an der Costa Blanca empor © Ricardo Bofill Taller de Arquitectura, Ricardo Bofill, gestalten 2019

„Camp Nou“, das Fußballstadions vom FC Barcelona gehört zu den neuesten Entwürfen Bofills: 2015 verlieh er dem Stadion eine neue Front in den Farben des Fußballclubs © Ricardo Bofill Taller de Arquitectura, Ricardo Bofill, gestalten 2019

In den Siebzigerjahren baute Ricardo Bofill eine alte Zementfabrik nahe Barcelona zum Büro und zu seinem neuen Zuhause um. Resultat: eine fantastisches Betonschloss namens „La Fábrica“ © Salva Lopez / courtesy of Gestalten, Ricardo Bofill, Gestalten 2019

insights

der antimodernist

Kennen Sie den Tour Montparnasse, das Bürogebäude, das konsequent den musealen Charakter von Paris durchbricht? Oder den BT Tower in London, ein wüster Stilmix inmitten dieser altehrwürdigen Stadt. Auch beim Flughafen Tempelhof in Berlin fällt es schwer, keine klare Meinung zu haben.

Der Begriff „Schönheit“ ist ein unbestimmter Begriff, über den sich seit jeher trefflich streiten lässt. Für Ricardo Bofill, der die postmoderne Architektur wie kein anderer geprägt hat, ist die Frage zur Schönheit schnell geklärt.

Nur „schöne“ Architektur zu erzeugen ist nicht sein Ding. Ricardo Bofill geht es vielmehr darum, aus ungewöhnlichen Bauformen neue Lebensweisen zu erschaffen. Und so sah er damals Anfang der 70er-Jahre in der Zementfabrik keine Bausünde, sondern nur den skulpturalen Charakter der Anlage. Ähnlich wie bei einer Skulptur wurde die Fabrik (die übrigens seine Wohnung und sein Büro ist) von allem Überflüssigen befreit, um so die Schönheit von versteckten Formen und verborgenen Räumen freizulegen.

Auch heutzutage verwirklicht sich die atemberaubende Originalität des 79-jährigen Spaniers in raumgreifenden Bauten, am liebsten in ganzen Großstadtvierteln, für die er traditionelle Stilelemente furchtlos neu konfiguriert. Mit seiner sinnlichen, charakterstarken Ästhetik will er auch die Stadt der Zukunft prägen.

„Arcades du Lac", Saint-Quentin-en-Yvelines, in der Nähe von Versailles, Frankreich ist zwischen 1981 und 86 entstanden. © Gregori Civera / courtesy of Ricardo Bofill Taller de Arquitectura, Ricardo Bofill, Gestalten 2019

Architektur ist die Kunst, den Raum zu formen, die Leere. Wie der Wind, der die Wüste in Bewegung setzt.

Ricardo Bofill, hier in seinem Büro, hat mehr als 1000 Projekte in 50 Ländern geleitet © Courtesy of gestalten, Ricardo Bofill, gestalten 2019

Sie bauen gern in der Wüste.

Ricardo Bofill: Weil sie frei von Architektur ist. Man kann die Natur beobachten, den Granit, die Dünen, den Wind. Die Wüste ist ein stiller, reiner, friedlicher Ort, an dem das Licht mit den Dingen spielt. Ich lerne viel von ihren Gesteinsformationen.

Ihre Bauten sind ähnlich majestätisch.

Auch in der Architektur interessiert mich die Weiträumigkeit. Deshalb bin ich mit dem urbanen Design sehr vertraut. Alle Gebäude, die ich je errichtet habe, sind Versuche oder Fragmente einer unmöglichen Stadt.

Warum unmöglich?

Weil das Leben selbst das komplizierteste Thema ist, mit dem sich Architekten kaum beschäftigen: mit Lebensqualität, der Art des Wohnens oder unserer zukünftigen Existenz. Die globalen Architekturfirmen mit Tausenden von Angestellten haben die Architektur hinter sich gelassen. Die dortigen Methoden geben dem Genie des Architekten immer weniger Raum. Deshalb sehen die Städte heute alle gleich aus.

Wie steht es mit der ikonischen Architektur: starke Statements in Form von Solitärbauten?

Ikonische Bauten werden heutzutage von Architekturzeitschriften sehr beachtet. Aber sie sind schwer integrierbar und keine Lösung für urbane Räume.

Ihre Entwürfe verbinden Gravität mit Rhythmus und Bewegung.

Architektur ist die Kunst, den Raum zu formen, die Leere. Wie der Wind, der die Wüste in Bewegung setzt. Ich konstruiere den Raum mit jedem Projekt neu, in Anlehnung an den spezifischen Ort.

Alle gelungenen architektonischen Räume haben eine große Sinnlichkeit.

Können Sie etwas mehr über die Stadt der Zukunft sagen?

Wir arbeiten an der Erfindung der vernetzten Stadt ohne Kohlendioxid und Autos, mit sauberer Energie und kontrolliertem Wasser. Ästhetisch geht es mir auch um den besonderen sinnlichen Charakter, die affektive Intelligenz dieser Stadt.

Dabei lieben Sie rückwärtsgewandte Elemente, Säulen und Torgewölbe.

Wir versuchen, das architektonische Vokabular bei jedem Projekt zu erneuern und den individuellen Kulturen anzupassen. Zugleich liegt uns daran, die klassischen Proportionen und Harmonien wach zu erhalten. Denn man hat den Klassizismus vergessen.

Den Stil der Mittelmeerregion?

Europas urbane Kultur ist rund ums Mittelmeer entstanden und im Norden weiterentwickelt worden. Doch dann kam Le Corbusier mit seiner funktionellen Unterteilung in Blöcke. Deshalb sind heute die Lebensformen so monoton. Le Corbusier hat die Stadt nicht geliebt. Er wollte sie zu einer Maschine machen. Aber die digitale Revolution hat die vormals separaten Lebensfunktionen integriert. Damit ist Kontinuität im öffentlichen Raum, sind Straßen und Plätze wieder zu einem Schlüsselelement geworden.

Auch Sie kombinieren Module zu größeren Einheiten.

Aber ich orientiere mich dabei an Hügelketten, Gebirgszügen und Felsklippen.

Sie haben sich für die Kasbah, die arabische Festung, und die Souks, die ineinandergebauten orientalischen Städte, interessiert.

Wir wollten die regionale Architektur verstehen, die der Landschaft und den menschlichen Bedürfnissen entwächst. Schroffes Mauerwerk und kleine Fenster sind natürlich eine Funktion des Klimas. Die Fenster dienen als Rahmen, durch die man die Landschaft wie ein Gemälde betrachtet. Im Norden braucht man mehr Licht, also werden die Fenster größer.

Man hat Sie als Erfinder der Postmoderne gefeiert.

Ich hatte Teil an den Anfängen. Die Postmoderne wandte sich vom internationalen Stil der Moderne ab und hauchte der Geschichte unseres Fachs neues Leben ein. Aber was nach den 60er-Jahren vor allem in den USA daraus wurde, hatte den kreativen Impuls verloren.

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Bofills Anlage „La Muralla Roja" hoch über der Costa Blanca ist ein surreales Monument einer sozialen Utopie. © Gregori Civera / courtesy of Ricardo Bofill Taller de Arquitectura, Ricardo Bofill, gestalten 2019

Der katalanische Architekt wollte mit der rosa-blauen Apartmentanlage „Muralla Roja“ an arabische Kasbahs erinnern © Salva Lopez / courtesy of gestalten, Ricardo Bofill, Gestalten 2019

Bofills Anlage „La Muralla Roja" hoch über der Costa Blanca ist ein surreales Monument einer sozialen Utopie © Salva Lopez / courtesy of gestalten, Ricardo Bofill, Gestalten 2019

Die Dach­terrasse mit Pool ist für alle Bewohner von „La Muralla Roja" zugänglich © Gregori Civera / courtesy of Ricardo Bofill Taller de Arquitectura, Ricardo Bofill, gestalten 2019

Haben die Surrealisten Sie inspiriert?

Sie besaßen eine malerische und ästhetische Unabhängigkeit, die mich natürlich beeinflusst hat. In meinem Hauptquartier La Fábrica, einer dekonstruierten früheren Zementfabrik bei Barcelona, gibt es viele surreale Elemente, Treppen, die ins Leere gehen, und blinde Fenster zum Beispiel.

Sie fürchten sich nicht vor Farben.

Der Wohnkomplex La Muralla Roja im spanischen Calp ist ganz in Farben getaucht. Farben gehören zum Leben, und sie unterscheiden sich von Ort zu Ort. Das Rot der Muralla Roja ist ein Kontrapunkt zum Azur des Meeres und zum Blau des Himmels.

In der für Ihre Eltern erbauten Casa de Verano haben Sie sogar den Pool rot gekachelt.

Das Wasserbecken liegt im Zentrum der Gebäude. Es reflektiert das Licht und wirft je nach Tageszeit andere Farbnuancen auf das Haus.

Sie sind auch in Bejing mit Projekten engagiert.

In Europa ist die Reglementierung erdrückend, alles ist normiert und der Entscheidung des Architekten entzogen. Hier kann man das neue Haus, in dem Menschen zugleich leben und arbeiten können, nicht erfinden.

Gerade bei gestalten erschienen: Das Coffeetable Book „Ricardo Bofill – Visions of Architecture“. Die Monografie gibt einen tiefen Einblick in das Leben und Werk des radikalen Visionärs. (gestalten, 49,90 €)