Seit 1964 Mitglied des Benediktinerordens: Anselm Grün ist wohl einer der bekanntesten Ordensleute im deutschsprachigen Raum. Er lebt in der Abtei Münsterschwarzach, begleitet Geistliche in der Krise, gibt Seminare für Manager und ist Bestsellerautor © Julia Martin/Abtei Münsterschwarzach
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Anselm Grün ist eine bedeutende Stimme, wenn es darum geht, Menschen spirituell zu begeistern. Als Doktor der Theologie und gelernter Betriebswirt vermag der Benediktinerpater in der Abtei Münsterschwarzach auf unorthodoxe und befreiende Weise mit Sinnfragen in den unterschiedlichsten Lebenslagen umzugehen.

Seine Weisheit wird auch von Managern geschätzt. Pater Anselm Grün ist Autor von über 300 Büchern, die in 30 Sprachen übersetzt und weltweit 14 Millionen Mal verkauft worden sind.

Sie bemerkten einmal, dass Schönheit ein spiritueller Ort sei. Wie ist das zu verstehen?

Pater Anselm Grün: Platon sagt, alles, was ist, ist wahr und gut und schön. Schönheit ist nicht nur ein Aspekt des Seins, sondern auch Gottes. Der Neuplatonist Plotin nennt Gott das Urschöne, sodass sich in allem, was wir schön nennen, Gottes Schönheit widerspiegelt. Immanuel Kant verlagert die Schönheit in das subjektive Urteil. Und es ist ein großer Unterschied, ob ich sage: Das ist schön oder: Ich empfinde das als schön. Deshalb sind alle Theologen, die Kant gefolgt sind, pessimistischer als die Platon-Anhänger.

Andererseits sprachen Sie von der Schönheit, die im Auge des Betrachters liegt.

Weil das Schöne mich in Berührung mit meiner schönen Seele bringt. Mit dem Bild Gottes, das ich bin. Schönheit und Liebe gehören bei Platon zusammen. Ein schöner Mensch und eine schöne Landschaft erzeugen Liebe. Und umgekehrt ist die Liebe auch die Bedingung für das Erkennen von Schönheit. Meine Schönheit erfahre ich nur, wenn ich mich liebevoll anschaue. Schön kommt von „schauen“ und auch von „schonen“. Das Schöne muss ich schonen, ich kann es nicht besitzen.

Die Liebe ist die Bedingung für das Erkennen von Schönheit.

Philosoph und Denker: Immanuel Kant (1724–1804) © picture alliance/Design Pics

Und Hässlichkeit kommt von „Hass“?

Bei negativen Gefühlen muss man den Sinn entdecken. Hass ist das Gefühl: Ich habe auch ein Recht zu leben, ich lasse mich nicht von anderen bestimmen. Hass will mich schützen. Die Mönche sagen, wir sind nicht für die Gefühle verantwortlich, die auftauchen, nur dafür, wie wir damit umgehen. Wenn ich den Hass auslebe, schade ich mir und den anderen. Wenn ich ihn unterdrücke, werde ich krank. Also muss ich den Impuls im Hass wahrnehmen und mich nicht von anderen bestimmen lassen.

Das Schöne ist nicht nur spirituell, sondern auch materiell.

Die schöne Natur sind Bäume und Landschaften. Der schöne Mensch hat ein Gesicht, ist Fleisch. Die französische Philosophin Simone Weil nennt die Schönheit „das zärtliche Lächeln Jesu durch die Materie“. Die Seele drückt sich auch im Leib aus. Wenn einer innerlich verbittert ist, ist das nicht schön. Und in schönen Räumen kann man anders arbeiten.

Was sagen Sie zum Wunsch der Menschen, sich zu schmücken und zu gefallen?

Das ist eine Form von Beachtung der Eigenwürde. Dass Menschen sich Kleider machen, war in der Urgeschichte nicht in erster Linie dazu da, sich gegen die Kälte zu schützen, sondern die eigene Schönheit zu betonen. Das ist durchaus legitim. Man betont die eigene Schönheit, weil man Gefallen am Leben hat und dankbar für das ist, was Gott einem gegeben hat. Aber es ist ein Unterschied, ob ich die Schönheit durch schöne Kleider unterstütze – wobei man merkt, schön ist immer auch einfach und klar – oder ob ich mit Kleidern protze.

Zeigt sich im Protz ein Übergewichten des Materiellen?

Der Priester legt schöne Gewänder an, und bei besonderen Festen kennt die Kirche auch Prunk. Aber es ist die Frage, ob dieser Prunk Angeberei oder Ausdruck von etwas Größerem ist. Dann geht es nicht um den Einzelnen, sondern darum, dass er durchlässig wird.

Sorgfältige Kleidung ist auf den Straßen eher selten geworden. Man trägt Hoodies und zerrissene Jeans …

Früher kam man auch mit feierlicher Kleidung in ein Konzert. Die Schönheit der Musik sollte sich darin spiegeln. Am Sonntag ging man in Gottesgewändern in die Kirche. Ich erlebe es in manchen afrikanischen Ländern. Dort leben die Einwohner teilweise in ärmlichen Verhältnissen, machen sich aber bewusst schön, mit einfachen, aber bunten Gewändern.

Sorgfältige Kleidung ist auf den Straßen eher selten geworden. Man trägt Hoodies und zerrissene Jeans …

Früher kam man auch mit feierlicher Kleidung in ein Konzert. Die Schönheit der Musik sollte sich darin spiegeln. Am Sonntag ging man in Gottesgewändern in die Kirche. Ich erlebe es in manchen afrikanischen Ländern. Dort leben die Einwohner teilweise in ärmlichen Verhältnissen, machen sich aber bewusst schön, mit einfachen, aber bunten Gewändern.

Die Abtei Münsterschwarzach, östlich von Würzburg, gehört zu den wichtigsten Klöstern der Benediktiner in Deutschland. © Martin Siepmann/picture alliance/imageBROKER

Gibt es heute eine Verlegenheit gegenüber dem eigenen Körper?

Die Jugendlichen haben Angst vor der Leidenschaft oder Angst vor Ekstase. Ich war einmal in einer Talkshow, in der auch ein Model war. Sie hat mich gefragt, ob ich etwas gegen ihren Beruf habe. Ich habe Nein gesagt, denn wenn jemand die Schönheit repräsentiert, zeigt er die Würde des Menschen. Daraufhin habe ich negative Briefe bekommen. Aber eine gute Mode drückt auch immer etwas Spirituelles aus.

Mode ist mit der Zukunft beschäftigt. Insofern hat sie mit Hoffnung zu tun.

In seinem großen Buch „Das Prinzip Hoffnung“ hat Ernst Bloch geschrieben: „Wertvoll ist nur das, was von Hoffnung durchdrungen ist und Hoffnung vermittelt.“ Tanz ist getanzte Hoffnung auf Freiheit, auf Schönheit. Und die Kleidung ist auch Hoffnung auf Schönheit.

Der Isenheimer Altar im Unterlinden-Museum Colmar mit den wunderbaren Bildtafeln von Matthias Grünewald. © Martin Jung/picture alliance/imageBROKER

Im protestantischen Gottesverständnis ist Christus am Kreuz zentral, der die Hässlichkeit der Welt auf sich nimmt. Matthias Grünewald hat ihn im Isenheimer Altar eindrucksvoll als geschundene Kreatur mit fahler Haut gemalt.

Clemens von Alexandria nennt Jesus den schönsten aller Menschen. Und Lukas beschreibt seinen Tod als Schauspiel: „Alle, die zum Schauspiel gekommen waren, klopften sich an die Brust und gingen betroffen weg.“ Bei Aristoteles führt das Schauspiel zur Katharsis, zur Reinigung der Emotionen. Das heißt, ich komme mit mir selbst in Berührung, dem göttlichen Kern in mir, der selbst in einer Welt des Hasses und der Lieblosigkeit nicht zerstört werden kann.

Sie zitieren gern Jesu Spruch: „Lass die Toten die Toten begraben und folge mir.“ Es geht darum, das Leben und das Lebendige zu wählen.

Schönheit ist Lebendigkeit, Lachen, Freude. Es gibt auch die kalte Schönheit, die man in der Schönheitschirurgie findet. Die Bibel beginnt ja mit der Schöpfung: „Und Gott sah, dass alles gut war.“ Die Griechen übersetzten es mit „kalos“: „Und Gott sah, dass alles schön war.“ Die Schönheit ist da, sie ist nicht verdorben. Auch ein altes Gesicht kann sehr schön sein, selbst wenn die Schönheit gewandelt und durchlässig für etwas Größeres geworden ist.

Wir sparen gern, um uns etwas Schönes zu leisten.

Ja, die Freude am Einkaufen … Meine Mutter ist mit ihrer Schwester, einer Klosterschwester, gemeinsam im Urlaub gewesen, und da war es ihr immer wichtig, sich Geschäfte anzuschauen. Sie haben auch etwas gekauft, aber das Schauen allein war für sie ein Genuss.

Weil Schaufenster auch mit Träumen zu tun haben?

Durch kein Kleid kann ich die Schönheit für immer festhalten. Wir wechseln die Mode. Aber die Hoffnung, die eigene Würde wahrzunehmen, die altert nicht. Schönheit hat auch mit Dankbarkeit zu tun. Sie ist ein Geschenk, das Kleid bringt sie zum Leuchten. Es passt nur, wenn man kein grimmiges Gesicht macht.

Verhält sich das Kleid zum Leib wie der Leib zur Seele?

In der Taufe bekommt das Kind ein weißes Gewand. In der Bibel heißt es ja, du sollst Christus anziehen wie ein Gewand. Weiß steht für Herrlichkeit, Schönheit, Klarheit. Früher hat der Priester, wenn er ein Gewand anzog, immer ein Gebet gesprochen, weil die Kleider ein Bild sind. Sie vermitteln etwas Geistiges und haben auch etwas Spielerisches: Man spielt sich hinein in die Erlösung.

Dann ist der Kleiderkauf eine spirituelle Investition?

Es gibt natürlich auch die Krankheit, dass man ständig den Schrank voll hat und es gar nicht anzieht. Das hat nichts mit Schönheit zu tun. Das ist eine Sucht. Aber Sucht ist verdrängte Sehnsucht. Und Sehnsucht gehört zur Schönheit. Sie geht über das Konkrete hinweg in der Hoffnung auf absolute Schönheit. Wenn ich es aber nicht aushalten kann, dass es hier keine letzte Schönheit gibt, dass sie immer Verheißung bleibt, dann werde ich süchtig.

In seinem Buch „Schönheit” (Vier-Türme-Verlag) zeigt Anselm Grün Wege, die Schönheit der Welt achtsam wahrzunehmen

Wenn Selbsthass hässlich macht, macht Eitelkeit dann schön?

Sich schön machen ist nicht eitel. Eitelkeit ist mehr das Bedürfnis, ständig im Mittelpunkt zu stehen, sich größer zu machen, als man ist. In den sozialen Medien herrscht oft der Druck, sich künstlich darzustellen, und wenn man die Leute trifft, erkennt man sie gar nicht wieder. Schönheit bringt das, was ist, zum Leuchten. Eitelkeit gleicht inneren Mangel durch Äußeres aus.

Sie erwähnten die Schönheit der Natur. Der Umweltschutz argumentiert eher rational, gemäß den Interessen der Menschen.

Der Umweltschutz braucht eine spirituelle Dimension. Nur durch moralische Appelle schaffen wir es nicht. Am Riegsee gibt es einen Hügel mit einer ganz kleinen Kapelle, ein uralter Ort, an dem schon Ostara, die germanische Frühlingsgöttin, verehrt worden ist. Wenn man sich da auf die Bank setzt, kann man nur schauen und schauen. Man kann es nicht beschreiben. Auch Künstler wie Gabriele Münter, Kandinsky, August Macke waren von dem Licht dort begeistert.

Warum ist das Christentum so eng mit der bildlichen Darstellung des Heiligen verbunden?

Bilder bilden sich ein. Sie haben eine heilende Wirkung.

Bayerische Bilderbuch-Idylle: der Riegsee bei Murnau © Adobe Stock