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Eindrücke der Jil Sander Präsens Ausstellung im Museum Angewandte Kunst, Frankfurt (c) Paul Warchol

Raumgreifende Installation ihrer Best-of-Kreationen: 2018 hatte Jil Sander im Museum Angewandte Kunst in Frankfurt ihre weltweit erste Einzelausstellung

Jil Sander Flagship Store in London, 2002 (c) Paul Warchol

Raumgreifende Installation ihrer Best-of-Kreationen: 2018 hatte Jil Sander im Museum Angewandte Kunst in Frankfurt ihre weltweit erste Einzelausstellung

Raumgreifende Installation ihrer Best-of-Kreationen: 2018 hatte Jil Sander im Museum Angewandte Kunst in Frankfurt ihre weltweit erste Einzelausstellung

Jil Sander Präsens, Museum Angewandte Kunst, Frankfurt (c) Paul Warchol

Jil Sander Präsens, Museum Angewandte Kunst, Frankfurt (c) Paul Warchol

Raumgreifende Installation ihrer Best-of-Kreationen: 2018 hatte Jil Sander im Museum Angewandte Kunst in Frankfurt ihre weltweit erste Einzelausstellung

insights

schönheit

Schönheit findet sich immer und überall: Ob in ihrem liebevoll angelegten Garten oder in der geradlinigen Mode, für das die Marke Jil Sander noch immer steht. Für die Designerin selber ist Schönheit ein Seiteneffekt des Zukunftsdesigns. Lesen Sie mehr im Interview.

Geht es in der Mode heute noch um Schönheit?

Jil Sander: Schönheit war immer Geschmackssache. Gianni Versace und Giorgio Armani hatten trotz großer Unterschiede gleichzeitig Erfolg. Man kann den Menschen kein Schönheitsideal oktroyieren. In der Mode geht es um viel mehr, um Inhalte, um innovative Stoffe, Dreidimensionalität, um Schnitte und Qualität. Mode ist nicht nur schön, sie hat Klasse, sie ist Teil der sich wandelnden Kultur. Mies van der Rohe hat sich für seine Neue Nationalgalerie in Berlin auch am griechischen Tempelbau orientiert. Dazwischen liegen zwei Jahrtausende, aber das Proportionswissen ist dasselbe.

Hat das, was viele Menschen als schön empfinden, mit Proportion zu tun?

Ja, klar. Aber gleichzeitig gibt es den Willen zu verändern. Einerseits investiert man als Kunde in Teile, die so stimmig geschnitten sind, dass man sie länger tragen mag. Andererseits haben wir immer wieder Freude und Lust an neuen Dingen und Kombinationen. Mode ist immer auch eine Entwicklung. Sie ist, was ich gerade fühle. Aber man muss sagen, dass sich der Stellenwert der Mode total verändert hat.

Seit Sie Jil Sander gegründet haben?

Als ich anfing, hatte es einen ganz anderen Wert, wie man sich anzieht und in welcher Qualität. Heute ist alles lässig und bequem. Aber casual muss nicht formlos sein. Das gilt auch für andere Bereiche. Ich maniküre meinen Rosengarten nicht, ich suche nach einer unangestrengten, zufällig aussehenden Harmonie, auch in der Wahl der Rosenbegleitung. Trotzdem soll der Garten einen Inhalt haben, sodass man spürt, da ist auch ein Gedanke, der das Ganze zusammenführt.

Schönheit…da kann man ja Romane schreiben. Am Ende ist es die Ausstrahlung.

In den Jahrzehnten, in denen Jil Sander zu einer globalen Marke wurde, haben Sie fast nebenbei einen englischen Garten nach dem Sissinghurst-Vorbild kultiviert. Dank Ihrer Gartenleidenschaft ist ein Lebenswerk daraus geworden. Gehen Sie als Gärtnerin nach denselben Prinzipien wie in der Mode vor?

Eigentlich ja. Ich denke sehr visuell und räumlich. Ich sehe selbst eine Farbe dreidimensional. Die kann verschlossen sein, aber sie kann auch schweben. In diesem Verhalten im Licht liegt auch eine Qualität. In einem Garten wechselt das Licht ständig. Dazu kommt, dass man immer neue Perspektiven entdeckt. In der Mode müsste es auch so sein. Wenn eine Kollektion beendet ist, fängt schon die nächste an. Und man weiß genau, wohin man will. Ich bin immer von mir selbst ausgegangen, von dem, was mir gerade gefällt. Man hat eine Handschrift und sehr subtile Visionen und Vorstellungen.

Dann kann das Neue durchaus ein neuer Blick auf die Vergangenheit sein, wie in einem Park die überraschende Aussicht auf den zurückgelegten Weg?

Es gibt immer wieder Kreative, die sich an anderen Zeiten orientieren. Aber ich würde das Vergangene nie wiederholen, sondern neue Lösungen finden. Der 1980er-Oversize-Look zum Beispiel ist zur Zeit wieder sehr präsent. Aber auch da würde ich eine neue Form suchen, bei der die Figur noch eine Rolle spielt. Auch hier kann man raffiniert, proportional und dreidimensional denken. Ich möchte etwas erfinden, womit ich einen Schritt weiter bin.

Sie sprechen gern von Energie, die Ihnen bei der Suche nach dem Neuen hilft.

Energie ist etwas Berauschendes. Wenn die Gärtner mir sagen, es brummt im Garten, dann ist da Energie. Ein Garten ist sehr arbeitsintensiv. Aber die Gärtner sind engagiert und stolz auf ihre Arbeit. Das hatten wir in unserer Firma auch. Das Team war enthusiastisch, der Austausch intensiv, offen und zweckorientiert. Ich habe immer gesagt, die Energiespirale reicht von unserem Showroom bis in unser Hotel. Der kreative Prozess begann für Sie auf den Stoffmessen. Oder bei den Stoffherstellern. Deshalb waren meine Fingerkuppen immer wund von Millionen von Stoffproben, die ich in der Hand gehabt hatte. Vielleicht bin ich dann gegangen und hatte etwas gefunden, wobei es sich lohnte weiterzumachen.

Weil diese Stoffprobe Ihnen den Impuls für etwas Neues gab?

Oder er kam aus Farben. Jede Kollektion hatte ein neues Farbkonzept. Im falschen Material kann eine Farbe unglaublich vulgär sein. Und dann die Herausforderung, alles stimmig zu machen wie ein Musikstück oder einen Rosengarten. Stimmig auch hinsichtlich der Models. Alle sind individuell, mit ihren Haar- und Hautfarben. Wie schafft man es, eine Kollektion kompakt und geschlossen mit all diesen Aspekten in Harmonie zu bringen?

Schönheit kann auch unglaublich spießig sein. Die Frage ist, wie bricht man das?

Sie erwähnten die Models. Jugend ist natürlich immer schön.

Du kannst jung und schön, aber auch sehr leer sein. Dann passiert nichts. Ich habe mir für unsere Castings Hunderte von Models angesehen. Es ist wichtig, dass da auch von innen etwas passiert. Du kannst auch ganz extrem und trotzdem schön sein.

Jil-Sander-Design war nie einfach schön, da war auch eine Irritation, etwas Ungewohntes.

Was manchmal schwer zu erklären ist. Schönheit ist für mich nur, was noch nicht Schönheit heißt. Dieses Gefühl, bei dem man Kraft aus der Kleidung schöpft und sich wie eine Million Dollar fühlt. Wenn deine Kleidung ein Kompromiss ist, dann schwächt sie dich. Deshalb muss ich wirklich überzeugt sein, dass sie mir hilft.

Also ist Schönheit überschätzt?

Ja, wie stellt man sie sich vor? Es gibt die Perfektion des Körpers, die Jugend der Models. Aber wenn du jung bist, möchtest du dich auch abgrenzen. Optik, Ästhetik, Qualität, Inhalt – da fließen so viele Dinge zusammen. Wie kommen wir aus dieser Banalität des „Oh, wie schön!” heraus? Schönheit kann auch unglaublich spießig sein. Wie bricht man das?

Jil Sanders privates Paradies: Ihr englisch inspirierter Garten mitten in der Holsteinischen Schweiz

Was empfinden Sie an Menschen als schön?

Da kann man ja Romane schreiben: Figur, Charakter, Erziehung … Am Ende ist es die Ausstrahlung.

Ist Schönheit eigentlich ein feudales Ideal?

Im Feudalismus gab es die verstaubten Perücken, die stanken wie die Hölle. Man war sehr visuell, dekorativ. Aber Attraktivität verändert sich auch. Mit dem heutigen Ideal der Lässigkeit ist es wie mit der Kunst, wo man auch so tut, als hätte man sich nicht so angestrengt. Doch genau das verlangt viel Konzentration. Gott sei Dank habe ich irgendwann gelernt, nicht so früh aufzuhören. Manchmal hatte ich keine Lust mehr und konnte auch ungeduldig werden, wenn beim Fitting wieder und wieder geändert werden musste. Aber wir haben miteinander gelernt, wie schön es ist, wenn man das Ergebnis immer weiter treibt und am Ende selig ist und das ganze Team begeistert.

Das erfordert viel Geduld.

Ich habe meinen Garten in letzter Zeit weitergestaltet und dabei Stauden, Rhododendren und Azaleen hinzugenommen. Dafür wollte ich noch mehr wissen und die Rhododendren in den Baumschulen sehen, wenn sie blühen, und nicht nur auf dem Foto, sie selber anfassen. Auch hier dieser Drang, in die Tiefe zu gehen. Natur kann man eigentlich nie verurteilen, obwohl es darauf ankommt, wie man mit ihr umgeht.

Sie klingen wie eine leidenschaftliche Studentin.

Deshalb habe ich mein Unternehmen auch immer Boarding School genannt. Ein Garten ist wirklich ein Lebenswerk. Es entwickelt sich, wie in der Mode. Du fängst an mit blutigen Knien, du stehst wieder auf, du gehst weiter. Und du bist der Vorläufer, weil du alle mitnehmen musst.