Szene aus dem Science-Fiction-Thriller „Ex Machina“: Der Programmierer Caleb soll zum Studienobjekt Ava (Alicia Vikander, Foto), ein weiblicher Roboter mit Künstlicher Intelligenz, eine Beziehung aufbauen. ©ddp images
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so lieben wir in zukunft

Drei Liebesszenarien, die sich in Zukunft durchsetzen könnten: die technisch perfektionierte virtuelle Liebe, die Multi-Amorie und die ko-evolutionäre Liebe. Was sich genau dahinter verbirgt, erklärt Matthias Horx, einer der einflussreichsten Trend- und Zukunftsforscher Deutschlands hier in drei Teilen.

Wie geht die Geschichte der Liebe weiter? Einerseits gibt es viele interessante Retro-Trends in Sachen Liebe. Helen Fisher, die bekannteste US-amerikanische Liebes-Anthropologin, spricht von einem Trend zur „Re-Tribalisierung“: Wir haben heute ähnliche durchschnittliche Kinderzahlen wie die Stämme (Nomaden konnte aufgrund ihres häufigen „Umzugs“ nur wenige Kinder erziehen). Wir ziehen häufiger um. Wir haben serielle Beziehungen, also mehr Partner im Laufe eines Lebens, was unsere Ur-Vorfahren auch schon – meist aus Not – praktizierten.

Andererseits könnte die Zukunft auch radikal andere Lösungen für die Liebe bereithalten. Drei Szenarien bieten sich für die weitere Liebeszukunft an: Das erste handelt von der Delegation der Liebe an Maschinen und virtuelle Systeme. Die zweite von der Anpassung unserer Liebes-Verträge an die hypermoderne Partner-Wirklichkeit mit ihren realen „Lebensabschnittspartnerschaften“. Das dritte Szenario handelt von einer Utopie von Zweisamkeit in einem Zeitalter, das durch und durch individualistisch geworden ist.

Erstes Szenario: Die techno-erotische Transformation

Wir schreiben das Jahr 2050. Längst sind die hässlichen Figuren der frühen Robo-Erotik vergessen, man erinnere sich an die monströsen Gummipuppen, die eher Zombies ähnelten als realen Menschen. Die neue Erotik-Roboter-Welt ist cool, edel, designorientiert und von den berühmtesten Hardware- und Software-Genies der Welt umschwärmt. SoulBots ist weltweit die größte AniMate-Firma, die Partner-Roboter herstellt.

In den SoulBot-Showrooms findet man Modelle der neuen Generation von AniMates, mit Individualmaßen nach Bedarf und Vorliebe. Das heißt jedes Körperteil ist einzeln konfigurierbar wie z. B. der Hauttypus, die Länge der Gliedmaße, das Timbre der Stimme und die Festigkeit der Brüste und des Pos. SoulBot-Modelle – übrigens kaufen inzwischen genauso viele Frauen SoulBots wie Männer – gibt es in der einfachen Version mit wenig Face-Differenzierung und das für ein Fünftel des Jahresgehalts. Nach oben hin sind kaum Grenzen gesetzt.

Die wirklichen Edelmodelle sind atemberaubend facial, und in ihrem Kommunikationsverhalten echter als viele Menschen, die sich für echt halten. Die Modelle der Saison 2051 kommen mit einer Künstlichen Intelligenz, die in Sachen Konversation an jedem Dinner der Welt mithalten kann – mit Sonderausstattung auch am Akademiker-Tisch in Harvard. Die Grund-Charakterzüge sind variabel einstellbar und mit Hilfe von SoulCare, der Online-Steuer-Plattform von SoulBots, jederzeit modifizierbar. Ganz besonders innovativ ist das Bonding-Programm, das mit allen neuen Modellen ausgeliefert wird. Dieses erhöht die Fähigkeit zur tiefen Empathie, zum Zuhören, zum Nachfühlen der Probleme und Sorgen des Kundens.

Halten Sie dieses Szenario für völlig absurd? Haben Sie nicht auch manchmal das Bedürfnis, den Partner „abstellen“ zu wollen oder nach Belieben schlecht gelaunt sein zu können, ohne die bedingungslose Zuneigung zu verlieren? Filme wie „Ex Machina“ oder „Her“ handeln von dieser narzisstischen Idee der Liebe, dass wir uns in eine Maschine verlieben können, die ganz unsere Bedürfnisse erfüllt.

Schon heute existiert in Japan eine ausgeprägte Avatar-Kultur.

Ganz so unwahrscheinlich ist das nicht. Schon heute existiert in Japan eine ausgeprägte Avatar-Kultur – Millionen von jungen Männern haben „virtuelle Liebesbegleiter“ auf ihren Smartphones, mit denen sie unentwegt kommunizieren. Währenddessen ist das Sex- und Familienleben der jüngeren Generation in Japan fast zum Erliegen gekommen. Und virtuell-pornographische Anwendungen machen heute im Internet bereits einen gewaltigen Anteil aus.

Zweites Szenario: „Liquid Love“. Für jedes Bedürfnis hat man einen anderen Partner

Am 1. Mai 2030 gingen Tristan und Charlotte, die er zärtlich Isolde nannte, zu einem Realworld-Notar (nicht einen von diesen digitalen Sprechautomaten) und schlossen einen Kids Agreement Contract – Kategorie 1. Diese leichteste Kategorie verzichtete auf Strafparagraphen, bei denen im Falle des Vertragsbruchs einer der beiden Parteien hohe festgesetzte Strafen fällig werden würden.

Der Vertrag, den die beiden mit einer liebenden Bewegung in ihre SoftScreens einlasen beinhaltete nur drei Paragraphen. Ein sogenannter Soft-Easy-Contract, den man leicht wieder lösen konnte.

Paragraph 1: Die Parteien verpflichten sich, ihre erotische Beziehung aufrechtzuerhalten. Eine wöchentliche Sexrate von unter 1 bedarf der Klärung und Veränderung. Paragraph 2: Die Parteien verpflichten sich, ihre erotische Beziehung fertil zu machen. Zwei Kinder sollen geboren werden und in gegenseitiger Unterstützung aufgezogen und geliebt werden. Rollenteilungen werden nicht festgelegt. Es gilt das Prinzip des liebenden Beistands und der moderaten Arbeitsteilung. Paragraph 3: Dieser Vertrag endet vollständig mit dem 18. Geburtstag des jüngsten Kindes. Er ist danach mit Anschlussverträgen erweiterbar.

Klingt kalt und unwahrscheinlich, oder? Aber denken wir noch einmal kurz darüber nach: Im Fall der Liebe schließen wir alle im Fall der Liebe einen Kontrakt. Einen bewussten oder unbewussten, verbal oder nicht verbal. Wäre es nicht sinnvoll und liebevoll, diesen Vertrag ehrlich zu machen? Schon um der allgemeinen Liebes-Verletzungsgefahr Einhalt zu gebieten, brauchen wir eine neue Ehrlichkeit. Denn viele tragische Liebesgeschichten entstehen nur dadurch, dass die Partner unterschiedliche Ideen von der Liebe haben. Dabei zieht meistens einer den Kürzeren.

Um die Liebe legal abzusichern, gab es früher den Ehekontrakt. Der könnte sich in Zukunft in tausend Varianten aufspalten. Partner-Design-Agenturen gibt es dann in jeder Stadt – angeboten werden spezialisierte, maßgeschneiderte „LoveDeals“. Unmöglich? Schon heute hat sich in Frankreich die „Ehe light“ durchgesetzt, ein abgespeckter Ehevertrag, der ursprünglich für Homosexuelle gedacht war. 60 Prozent aller Heteros heiraten heute „auf Probe“.

Denken wir diesen Trend in die Zukunft hinein. Eine weitere Form der „Liquide Love“ wäre es, nicht mehr alles von einem zu wollen. Das moderne Liebesdrama besteht ja vor allem in der gewaltigen Überforderung des Partners. Der soll heißer Liebhaber, bester Freund, Power-Buddy, Seelentröster und Motivator sein – und das alles lebenslang! Während Polyamorie die meisten Menschen hoffnungslos überfordert – wer hält schon aus, dass der Partner mehrere andere liebt? – wäre die Multi-Amorie eine Alternative. Multi-Amorie stammt aus der Erkenntnis, dass wir immer mehrere Partner suchen: Einen Menschen für das tiefe geistige Verstehen, einen für die erotische Leidenschaft, einen für die Reparatur des Gartenzauns oder das Renovieren des Hauses, einen für den liebevollen Umgang mit den Kindern und einen für euphorische Reiseprojekte und Spiritualität.

Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx. © Klaus Vyhnalek

Warum also nicht eine(n) für jedes? Ein solches Diversifikations-Modell zieht bewusste Trennungen zwischen den einzelnen Formen von Liebe, Freundschaft und Zuneigung. „Love-Picking“ – Liebe im Baukasten-System. Von der anstrengenden Polyamorie unterscheidet sich das dadurch, dass man im jeweiligen Sektor treu bleibt. Also Erotik nur zu einem! Wenn eine Beziehung schiefgeht, ist man trotzdem nicht allein. Erstaunlich viele Menschen leben ihr Liebesleben schon heute so. Meistens ohne es zu wissen.

Drittes Szenario: Die ko-evolutionäre Liebe

Wenn zwei Menschen sich lieben, geben sie sich ein Versprechen: Ungeteilte Aufmerksamkeit und emotionale Sicherheit. Aber die Liebe scheitert oft in einer gemeinsamen Stagnation. Auf vielen Grabsteinen von Liebespaaren könnte stehen: „Sie starben an Routinen, Missverständnissen, Langeweile und allzu viel Kuscheleinheiten.“

Im Konzept der ko-evolutionären Liebe wird das Liebes Versprechen um eine dritte Dimension, die individuelle Zukunfts-Dimension erweitert. Liebe wird zu einem gegenseitigen Persönlichkeits-Entwicklungs-Prozess. Der Psychiater Michael Lehofer formulierte in seinem Buch „Mit mir sein: Selbstliebe als Basis für Begegnung und Beziehung“: „Es klingt eigenartig, aber die Veränderungsbereitschaft ist tatsächlich ein Schlüssel zur Liebe zu sich selbst. Liebe hat nämlich immer, mit sich auf etwas einlassen zu tun. Sich auf etwas einlassen heißt, sich zu verändern.”

Paare, die ko-evolutionäre Liebe praktizieren, überwinden das Missverständnis, dass Liebe immer darin besteht, dass „alles so bleibt, wie es ist“. Sie verzichten auf das ewige Kritisieren des Partners, wie es nach der heißen Phase des Verliebtseins oft die Liebe ruiniert. Stattdessen versuchen sie, sich selbst zu verändern für und mit dem Partner mehr Erwachsenheit, Integrität und Selbstständigkeit zu erreichen. Ko-evolutionäre Paare stellen sich gegenseitig seltsame Fragen wie z. B. Was kann ich dafür tun, dass Du für Dich weiterkommst? Wie kann ich Dir weniger auf die Nerven gehen, indem ich mich selbst stärke?

Die Vision dieses Liebesmodells ist keineswegs neu. Charles Sanders Peirce, ein amerikanischer Mathematiker, Philosoph, Astronom – einer der seltenen Universalwissenschaftler – schrieb bereits 1893 in einer Zeitschrift namens „The Monist“ einen Artikel mit dem Titel „Evolutionary Love“.

Sie halten das für überzogen? Ein Paradox? Ein Anspruch, den niemand erfüllen kann? Schauen Sie sich um: Wirklich gute Beziehungen funktionieren immer so! Sie bleiben spannend, weil die Routine und gegenseitige Abhängigkeit niemals überhand gewinnt. Ko-evolutionäre Partner sind in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis auch als Einzelwesen beliebt. Sie bleiben nicht nur, sie werden eigenständig durch die Liebesbeziehung, die sie als ständige Herausforderung wahrnehmen, an sich selbst als integrierte Individuen zu arbeiten. Um dem Partner das Geschenk der eigenen Stärke zu machen.

Die Liebe ist die Grundlage unserer Existenz. Sie erlöst uns von der Einsamkeit und bringt uns in Kraft und Lebendigkeit.

Der amerikanische Paartherapeut David Schnarch hat in den achtziger Jahren ein sensationelles Buch („The Passionate Marriage“) über den Verlust der erotischen Spannung bei Ehepaaren geschrieben. Darin weist er an zahlreichen Fallstudien nach, dass die Liebes-Erotik zwischen zwei Menschen verschwindet, wenn sie sich gegenseitig für ihre Neurosen verantwortlich machen. Dann beginnt die gegenseitige Infantilisierung, die Regression. In der Regression sehen wir den Partner nur noch als Bedürfnis-Befriediger. Bedürftigkeit ist jedoch das Gegenteil von Attraktion und führt zum Tod des Sex. Erotische Spannung lässt sich in der Liebe nur durch ständige Verwandlung aufrechterhalten. Dann können wir den Partner immer wieder als einen „Neuen“ wahrnehmen – und genau das macht scharf!

Ko-evolutionäre Liebe ist die angemessene Utopie für eine individualistische Gesellschaft, in der wir uns alle nach Freiheit und Liebe sehnen, nach Selbst-Sein und Bindung. Sie ist ein Gegenmittel gegen den grassierenden Narzissmus. Noch wissen wir nicht immer genau, wie wir das anstellen können – aneinander zu wachsen. Aber immer mehr Paare experimentieren damit. Sie tasten sich vor. Sie durchleben Krisen, aus denen die Liebe gestärkt hervorgeht.

Sie halten ihre Liebe und die Leidenschaft wach, indem sie sich in einem gemeinsamen Tanz immer wieder neu erfinden – auch wenn es schmerzhaft ist. Große Liebe ist genau das: Selbstveränderung durch Zu-Neigung.

Welches dieser drei Szenarien ist das Wahrscheinlichste? Sie werden alle drei auf die eine oder andere Weise eintreten. Für die Einsamen und Beziehungsunfähigen, die an der Liebe Gescheiterten, wird die Technik unendliche Simulationen und Tröstungen bereithalten. Das „Ehrlichmachen“ unserer Partnerkontrakte findet auch heute schon im Kleinen statt – jüngere Menschen sind heute oft ehrlicher und zögerlicher mit ihren Partnerschaften; sie versuchen eine neue Form der „Beziehungs-Achtsamkeit“.

Eine tiefe Wahrheit aber bleibt immer: Die Liebe ist die Grundlage unserer Existenz. Sie erlöst uns von der Einsamkeit und bringt uns in Kraft und Lebendigkeit. Jeder, der sich einmal unsterblich verliebt hat, weiß warum die Liebe die einzige reale Zukunftskraft ist. Nicht (nur), weil sie uns sicher macht. Sondern weil sie uns zu uns selbst verwandelt. Und uns auf immer neue Weise mit der Welt verbindet.