David Fischer, Gründer und CEO von Highsnobiety © Highsnobiety
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Vergangenen Dezember wurde David Fischer vom Fachmagazin „Textilwirtschaft“ zu den 100 herausragenden Köpfen des digitalen Fashion-Business 2018 gekürt.

Wer den 36-jährigen Wahlberliner und seinen Blog Highsnobiety seit 2005 beobachtet, versteht, warum: Er hat mit seinem Blog ein Unternehmen mit 160 Mitarbeitern und Büros in Berlin, New York, London, Los Angeles und Hongkong geschaffen.

Breuninger: Als Sie Ihren Blog für Streetwear gründeten, wurde diesem Thema in Europa wenig Beachtung geschenkt. Was hat Ihr Interesse geweckt, über Streetwear zu schreiben?

David Fischer: Davon abgesehen, dass Mode und Turnschuhe schon immer meine große Leidenschaft waren, ist es mein Bestreben, besondere Sachen zu finden, die ich noch nirgends gesehen habe. Und mit besonders meine ich nicht teuer, sondern besonders vom Stil, den Details oder von der Geschichte her.

Darüber hinaus haben mich Gegensätze, die trotzdem irgendwie richtig gut zusammenpassen, schon immer fasziniert, wie z. B. ein Cashmere-Pullover und eine Baseball-Cap oder Louis Vuitton und Takashi Murakamis Kunst.

Wie lautet Ihre Definition von Streetwear?

Für mich persönlich ist Streetwear letztendlich Mode, die (von jungen Menschen) auf der Straße getragen wird. Wenn ich aus Sicht von Highsnobiety spreche, dann ist Streetwear ein Mix aus Skater-Mode, Street-Art, (Graffiti), DIY-Kultur und Musikströmungen wie Hip-Hop und Punk.

Für mich ist Streetwear letztendlich Mode, die auf der Straße getragen wird.

Das Buch „The Incomplete Highsnobiety Guide to Street Fashion and Culture“ ist in unseren Department-Stores in Stuttgart und Düsseldorf erhältlich (gestalten, 39,90 €)

Welches sind aktuell die spannendsten „Labels to watch“?

Einer meiner Favoriten ist das New Yorker Label Alyx. Bei Matthew M. Williams, der auch mit Kim Jones Chefdesigner von Dior Homme zusammenarbeitet, kann man die Weiterentwicklung von Streetwear schön sehen. Seine Designs sind wieder etwas angezogener und weniger T-Shirt-, Hoodie- oder Turnschuh-lastig.

Auch Adererror aus Korea ist spannend. Dahinter verbirgt sich eine coole Unisex- und „One Size Only“-Kollektion.

Meine neueste Entdeckung: das 2017 gegründete Label Phipps. Der Amerikaner Spencer Phipps hat lange Zeit bei Dries van Noten gearbeitet und ist sozusagen das männliche Pendant zu Stella McCartney im Bereich nachhaltiger Luxus-Menswear.

Erzählen Sie uns ein wenig über den erfolgreichen Launch Ihres ersten Coffeetable-Books.

Die Tatsache, dass wir als digitales Medium angefangen und nun ein Buch bei Gestalten herausgebracht haben, ist irgendwie schon lustig. Durch den Launch unseres Print-Magazins hatten wir zwar Erfahrung, wie man hochqualitativen Journalismus und tolle Fotoinhalte herstellt, doch so ein Buchprojekt ist noch mal etwas ganz anderes.

Hier geht es um Relevanz, zudem soll das Buch nicht nur Streetwear-Experten etwas bieten, sondern allen. Da schnell klar war, dass wir nicht alle Marken und Menschen darin abdecken können, wird es im September 2019 ein weiteres Buch geben.

Kaum vorstellbar: Vor knapp 20 Jahren tauchten Begriffe wie Mode und Männer in keinem Satz gemeinsam auf.

Mode spiegelt seit jeher den Zeitgeist wider. Wie erklären Sie sich die aktuelle Popularität von Streetwear?

Kaum noch vorstellbar, aber vor knapp 20 Jahren tauchten Begriffe wie Mode und Männer in keinem Satz gemeinsam auf. Auch Streetwear oder Sneaker waren kein Thema. Inzwischen hat sich das gewandelt. Männermode wurde zum großen Thema und Turnschuhe trägt heutzutage jeder 8- bis 65-Jährige.

Mit der Streetwear ist etwas Ähnliches passiert. Vor ein paar Wochen habe ich nachgeschaut, wann wir das erste Mal über Virgil Abloh berichtet haben. Das ist genau 10 Jahre her.

Dass es Off-White bei Breuninger gibt, dass Virgil Abloh Creative Director von Louis Vuitton ist, dass Hip-Hop-Star Kendrick Lamar plötzlich den Pulitzerpreis gewinnt oder dass ein Wimbledon-Star auf dem Center Court steht und neuerdings etwas von der Palace x adidas-Kollektion trägt, all das zeigt, dass die Themen, über die wir schon immer geschrieben haben, nun wirklich im Massenmarkt angekommen sind.

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Coole Inszenierung © Eva Losada, The Incomplete Highsnobiety Guide to Street Fashion and Culture, gestalten 2018

Die Anfänge der Streetwear liegen in Amerika. © Thomas Welch, The Incomplete Highsnobiety Guide to Street Fashion and Culture, gestalten 2018

© Foto Eva Losada, The Incomplete Highsnobiety Guide to Street Fashion and Culture, gestalten 2018

© Thomas Welch, The Incomplete Highsnobiety Guide to Street Fashion and Culture, gestalten 2018

Wie geht es trendmäßig weiter?

Wir werden sehr oft gefragt, was mit dem Sneaker-Markt passiert. Bricht er ein? Geht es so weiter? Da Turnschuhe bequem sind, kann ich mir grundsätzlich nicht vorstellen, dass die Welt morgen aufwacht und sagt „Jetzt trage ich erst mal keine Sneaker mehr“. Das Thema wird sich einpendeln und normalisieren.

Ansonsten unterliegt die Mode den Zyklen des Wandels: Mal ist die Hose weiter, dann wieder enger. Und so kann ich mir aber gut vorstellen, dass in naher Zukunft auch junge Menschen wieder anfangen, etwas mehr Up-Dressing zu betreiben.

Damit meine ich, dass wieder mehr Blazer getragen werden. Auch bei den ersten Runway-Shows hat sich das Thema Tailoring bereits abgezeichnet.

Wie sieht es mit einer deutschen Streetwear-Designer-Szene aus?

Viel ist es nicht, aber es gibt ein paar Labels, die herausstechen. Dazu gehören die Berliner Labels GmbH und 032c. Auch leben viele internationale Künstler in Berlin wie zum Beispiel Eckhaus Latta oder Stefano Pilati, der sein eigenes Label Random Identities hier gegründet hat.

Doch im Vergleich zu Paris, Mailand oder New York, haben Berlin und Deutschland leider nicht die Kraft in der Modeindustrie.

Wobei man da auch ehrlich sagen muss, dass es bei uns weniger Plattformen und Unterstützung gibt. Und darüber hinaus haben wir auch oft ein wenig die Tendenz, unsere eigenen Sachen schlechtzumachen. Bestes Beispiel: Designer Lutz Huelle. Er hat erst sehr spät die Anerkennung bekommen, die ihm schon viel früher zugestanden hätte.

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Streetstyle gesehen in London: Off-White Looks kombiniert zu Sneaker von Virgil Abloh × Nike Jordan 1s © Foto Thomas Welch, The Incomplete Highsnobiety Guide to Street Fashion and Culture, gestalten 2018

© Foto Eva Losada, The Incomplete Highsnobiety Guide to Street Fashion and Culture, gestalten 2018

Stylistin Aleali May in Statement-Making Hosen von Sacai und Uggs auf den Straßen in Paris © Eva Losada, The Incomplete Highsnobiety Guide to Street Fashion and Culture, gestalten 2018

Was sind Ihre Zukunftspläne?

Mein Interesse war 2005 das Gleiche, wie es heute auch ist. Wir haben einfach das Bedürfnis, ganz vorne mitzureden, ganz vorne mit dabei zu sein, Trends mitzuprägen und unserer Community global ständig Sachen zu präsentieren, die sie vorher noch nie gesehen haben.

Die kreativer sind, als das, was sie sonst sehen. Die spezieller sind, die limitierter sind, und das hat sich eigentlich im Grundethos von Highsnobiety nicht geändert.