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Weihnachten im Jahr 2030

Mit ihren Büchern hat sie Millionen Leser erreicht: Exklusiv für Breuninger hat Bestseller-Autorin Gaby Hauptmann einen Blick in die Zukunft geworfen. Hier ihre Vision wie Weihnachten im Zeitalter der Drohnen und Sprachcomputer ablaufen könnte.

Etwas schepperte gegen die Haustür. Meine Schwiegermutter sprang auf, Linus rief: „Das Christkind kommt!“

„Nein, das Christkind kommt noch nicht. Der Christbaum wurde geliefert“, beruhigte ich ihn. „Was? Gegen die Tür geworfen?“, fragte sie in einem Ton, als sei ich für dieses Missgeschick verantwortlich. Ich konnte nur abwinken. „Es ist Weihnachten! Da muss es eben auch mal schnell gehen!“

Linus folgte mir zur Haustür. Auch seine kleine Schwester wollte sich dieses Ereignis nicht entgehen lassen.

Durch die geöffnete Tür konnte ich die davonfliegende Drohne im Schneegestöber gerade noch sehen. Auch Drohnen haben Stress, dachte ich und begutachtete den Baum.

Er steckte kopfüber in der noch am Morgen von meinem Mann aufgeschichteten Schneeborde. Das hatte ich nun davon, dass er seiner Mutter den Weg freischaufeln wollte. Ohne diesen Schneehaufen wäre er sicherlich anständig auf seinem Stamm neben der Haustür gelandet. Nein, Stamm kann man bei einem Christbaum aus dem 3-D-Drucker wohl nicht mehr sagen, aber eben auf dem unteren Teil.

„Oh, der ist aber hübsch“, sagte Amelie.

Hübsch, dachte ich mir, ich weiß nicht so recht. Vor allem war nun wichtig, dass die Baumspitze durch den Aufprall nicht abgebrochen war, dort sollte das dazu bestellte Christkind mit goldenen Flügeln sitzen. „Sönke“, rief ich ins Haus.

Wer aber kam, nicht mein Mann, sondern meine Schwiegermutter. Die Hände in die Hüfte gestemmt, füllte sie den ganzen Türrahmen.

„Schöne Bescherung!“, sagte sie, während sich die tanzenden Schneeflocken in ihre goldgelben Locken setzten. „Nein“, belehrte Linus, der sich an ihr vorbeidrückte, „Bescherung ist erst heute Abend.“

Nein, Stamm kann man bei einem Christbaum aus dem 3-D-Drucker wohl nicht mehr sagen.

„Rufst du mal deinen Sohn?“, fuhr ich sie an. Sie zuckte mit den Schultern. „Ich dachte, 3-D-Tannenbäume sind extra leicht? Wo ist da das Problem?“

Das Problem? Wo sollte ich den Baum bloß anpacken? Auf den ersten Blick sah er mit seinen Ästen und grünen Nadeln super echt aus, nur: Er war es halt nicht. Wenn jetzt alles abbrach?

„Ich hab ja gleich gesagt, so ein Druckdingsda ist nichts“, kommentierte meine Schwiegermutter und ging ins Haus zurück.

„Danke“, rief ich ihr hinterher und wünschte sie zum Teufel.

„Los!“, kommentierte mein achtjähriger Sohn, und wir zogen den Baum gemeinsam aus dem Schnee. Nicht schlecht, dachte ich mir, der Baum ist echt robust. Gemeinsam trugen wir – von der hüpfenden Amelie eskortiert, die völlig aus dem Häuschen war – den Baum ins Wohnzimmer.

„Dürfen wir ihn jetzt schmücken?“

Alles war vorbereitet: Linus hatte als Christbaumschmuck lauter kleine Roboter ausgesucht, und Amelie hatte ihre in der Kinderkrippe selbst gefertigte Goldkette kunstvoll auf dem Fußboden drapiert.

Nur Nixverstaan störte. So hatten die Kinder sie getauft, denn immer, wenn unser Hausmädchen eine undeutliche Antwort bekam, erklärte sie stereotyp in ihrer Computersprache, dass sie das Gesagte leider nicht verstehen könne und die Anweisung bitte noch einmal zu wiederholen sei.

Meine Schwiegermutter stand mit Nixverstaan sowieso auf dem Kriegsfuß.

Meine Schwiegermutter stand mit Nixverstaan sowieso auf dem Kriegsfuß, denn ihr schwäbischer Slang war für unser Roboter-Hausmädchen so rätselhaft wie Mandarin oder Lettisch.

Im Moment war das Problem ein anderes, sie lief mit ihren staksenden Schritten geradewegs über Amelies geflochtene Kette aus glänzendem Goldpapier. „Oh, nein!“ schrie Amelie und fuchtelte mit den Armen. „Weg da!“

„Kann ich etwas bringen?“ schnarrte Nixverstaan unbeirrt. „Vielleicht einen Aperitif?“

„Vielleicht einen Tannenbaum aus dem Wald? Wie sich das gehört?“, sagte meine Schwiegermutter. In diesem Moment gingen alle Rollläden herunter. Im Nu war es stockdunkel. Gleichzeitig stürzte mein Mann aus der Küche herein.

„Unser Nachbar spielt schon wieder mit unserer Frequenz. Der Backofen hat sich eingeschaltet! Und lässt sich nicht mehr ausschalten!“

„Und was heißt das?“, wollte meine Schwiegermutter wissen.

„Dass die Ente verbrutzelt. Ich komm nicht an sie ran!“

„Ich geh jetzt zu dem Kerl rüber! Immer ärgert er uns!“, erklärte Sönke. „Der kriegt jetzt eins auf die Nuss!“

„Und ich rufe deinen altmodischen Schwiegervater an“, sagte meine Schwiegermutter, ganz sicherlich an meine Adresse gerichtet.

„Wir haben nämlich einen richtigen Tannenbaum zu Hause, mit Lichterketten und Kerzen. Dann braucht er auch nicht nachzukommen, sondern kann schon mal unsere Gans in unseren altmodischen Backofen schieben. Schließlich habe ich nicht ganz umsonst vor 50 Jahren einen Koch geheiratet. Wir switchen einfach um.“

Wir haben nämlich einen richtigen Tannenbaum zu Hause, mit Lichterketten und Kerzen.

In diesem Moment ging das Licht wieder an.

„Rette schnell die Ente aus dem Backofen“, rief ich meinem Mann zu.

„Au ja, zu Omi!“ krähte Amelie, während Linus bereits seinen Weihnachtsschmuck einsammelte.

„Singen wir dann auch Lieder?“

„Ja“, sagte meine Schwiegermutter, „mit Akkordeon und Liederbuch. So wie früher.“

„Na, dann – in Gottes Namen“, sagte mein Mann, und ich sah das freudige Leuchten in seinen Augen.

„Ja, dann“, sagte ich und schenkte dem 3-D-Baum noch einen Blick. Auch recht, dachte ich, dann bin ich zumindest für keine weitere Katastrophe verantwortlich.

„Frohe Weihnachten“, sagte Nixverstaan und setzte sich unter den gedruckten Weihnachtsbaum.