weihnachten

Eine exklusiv von Barbara van den Speulhof geschriebene Weihnachtsgeschichte, inspiriert von den Illustrationen der US-amerikanischen Künstlerin Polly Becker

Es ist viele Jahre her. Wie viele Jahre genau, weiß heute niemand mehr. Doch es war Weihnachten, als es passierte.

Der Weihnachtsmann packte gerade die letzten Geschenke auf seinen Schlitten und verschnürte die Ladung sorgfältig. Schließlich sollte keins der Geschenke unterwegs verloren gehen.

Die Rentiere schnaubten und scharrten ungeduldig mit den Hufen. Auch für sie war es der Höhepunkt des Jahres, auf den sie so lange gewartet hatten.

Nun aber ging es los. Endlich! Vollbeladen flogen sie hinaus in die sternenklare Nacht und stiegen auf in den Himmel. Ruhig und friedlich lag der verschneite Wald unter ihnen.

Niemand war mehr draußen unterwegs. Der Fahrtwind wehte ihnen um die Ohren, und es klang fast so, als würde er ihnen ein Lied zum Weihnachtsfest singen wollen.

Sie stiegen höher und höher. Dabei glitten sie so nah an den Wolken vorbei, dass der Weihnachtsmann danach hätte greifen können, hätte er nicht die Zügel mit beiden Händen festhalten müssen.

Es würde wieder ein schönes Fest werden, da war sich der Weihnachtsmann sicher. Zufrieden lehnte er sich zurück.

Doch plötzlich durchschnitt ein lautes Krachen die himmlische Stille, und der Schlitten kippte ächzend ein Stück zur Seite. Eine der hölzernen Kufen, auf denen der Schlitten stand, war in der Mitte durchgebrochen.

„Verflixt!“, rief der Weihnachtsmann ärgerlich. „Der Schlitten war doch erst letzte Woche in der Werkstatt zur Inspektion!“

Aber es half alles nichts. So konnten sie nicht weiterfliegen. Sie mussten notlanden. Der Weihnachtsmann schaute nach unten und sah mit Schrecken, dass sie bereits über das Meer flogen. Oh nein! Wo sollten sie hier bloß landen? Mitten im Wasser?

Jetzt krachte auch noch die zweite Kufe. Was für ein Unglück! Würde das Weihnachtsfest dieses Jahr ins Wasser fallen? Würde es keine Geschenke für die Kinder geben? Wo sie sich doch das ganze Jahr über auf diesen Abend gefreut hatten.

Da entdeckte der Weihnachtsmann eine Eisscholle, die groß genug war, und setzte kurzerhand zum Landeanflug an.

Polly Becker für Breuninger, Boston, 2017

„Mama! Mama! Schau doch nur! Da fliegen Eisbären mit braunem Fell!“, rief ein kleiner Eisbär und zeigte nach oben.

Seine Mama schüttelte den Kopf. „Nein, nein, mein Kind. Das sind doch keine Eisbären.“ Aber wer da gerade auf ihre Eisscholle zugeflogen kam, das wusste sie auch nicht.

Da machte es rumms, und dieses fliegende Etwas landete.

Schnell versteckten sich die Eisbären hinter einem Schneehügel, wussten sie doch nicht, wer diese Fremden waren. Der kleine Eisbär lugte verstohlen hinter dem Hügel hervor. „Und wer ist das? Das Tier mit dem roten Pelz auf zwei Beinen?“, fragte er flüsternd. „Ist das auch kein Eisbär?“

So einen Zweibeiner hatte Mama noch nie gesehen. Nein, das konnte kein Eisbär sein. Und ein Pinguin war es auch nicht.

„Wo sind wir denn hier gelandet?“ Der Weihnachtsmann kratzte sich nachdenklich am Kopf. Überall nur Eis und Schnee. Und viel Wasser drumherum. Aber es war nicht der Nordpol, und es war auch nicht der Südpol. Er schaute hoch in den Himmel. Die Sterne dort oben, die kannte er. Jetzt fühlte er sich doch ein bisschen wie zu Hause. Auch wenn er keine Ahnung hatte, wo er genau war.

Mit einem Mal scheuten die Rentiere. Sie schnaubten und tänzelten aufgeregt hin und her. „Können wir dir helfen?“, hörte der Weihnachtsmann eine Stimme hinter sich. Er drehte sich um und erschrak, als er die große Eisbärin sah.

Er nahm all seinen Mut zusammen. „Ja, Hilfe könnte ich tatsächlich gebrauchen“, antwortete er. „Aber weißt du denn, wie man einen kaputten Schlitten repariert?“

Polly Becker für Breuninger, Boston, 2017

Erst jetzt sah der Weihnachtsmann den kleinen Eisbären, der sich hinter dem Rücken seiner Mama versteckte. Aus seinen kugelrunden Augen schaute ihn der Kleine so neugierig an, dass er schmunzeln musste. Und selbst die Rentiere beruhigten sich.

„Ich bin der Weihnachtsmann und freue mich, euch kennenzulernen“, sagte er und reichte den beiden die Hand. Die Eisbärin besah sich den kaputten Schlitten von allen Seiten. „Gemeinsam werden wir das schon schaffen“, nickte sie.

Puh! Dem Weihnachtsmann fiel ein Stein vom Herzen. Vielleicht würde er es ja doch noch schaffen, allen die Geschenke rechtzeitig zu bringen.

„Könnt ihr mal herkommen?“, rief die Eisbärin laut in die dunkle Nacht hinein. Gleich darauf hörten sie ein seltsames Platschen, und kurz darauf sahen sie die großen und kleinen Pinguine, die über das Eis angewatschelt kamen.

Was ist denn los?“, fragte der Erste.

„Es ist mitten in der Nacht“, brummte der Zweite.

„Die Kinder müssen schlafen“, rief der Dritte.

Dem Weihnachtsmann war es ein wenig unangenehm, denn stören wollte er niemanden. „Wenn ihr meinen Schlitten repariert, passe ich in der Zwischenzeit auf eure Kinder auf. Ich könnte ihnen alles über Weihnachten erzählen“, schlug er vor, denn von Weihnachten verstand er was.

Natürlich wollten die Kinder! Weder der kleine Eisbär noch die Pinguinkinder wussten, was Weihnachten ist. Der Mann mit dem roten Mantel und dem weißen Bart holte einen prall gefüllten Sack vom Schlitten und lud ihn auf seine Schulter. Dann suchte er mit den Tierkindern ein gemütliches Plätzchen, gleich hinter dem Schneehügel.

Polly Becker für Breuninger, Boston 2017

Während die Großen den Schlitten reparierten, hörten sie die tiefe Stimme des Weihnachtsmanns und dazwischen das helle fröhliche Lachen ihrer Kinder und wie sie immer wieder „Oh!“ und „Ah!“ riefen. Gerade als sie mit ihrer Arbeit fertig waren, kam die ganze Kinderschar zurück.

„Wir haben eine Überraschung!“, riefen die Kleinen im Chor. Was? Eine Überraschung? Mitten in der Nacht? Das wollten sich auch die Großen nicht entgehen lassen.

Sie folgten ihren Kindern, die vorauseilten und dabei vor Freude auf und ab hüpften.

Manche stolperten vor lauter Aufregung sogar über ihre eigenen Füße. Als sie um die Ecke bogen, sahen sie gleich, warum ihre Kinder so aufgeregt waren.

Polly Becker für Breuninger, Boston, 2017

Vor ihnen stand ein großer festlich geschmückter Tannenbaum. Er war über und über behängt mit glänzenden Kugeln, glitzernden Girlanden und funkelnden Perlenketten. Und die Spitze des Baums krönte ein leuchtender Stern.

Jetzt riefen auch die Großen: „Oh!“ und „Ah!“ So etwas Schönes hatten sie ja noch nie gesehen! Noch nie in ihrem ganzen Leben.

„Solche Bäume stehen bei den Menschen zu Hause!“, verkündete der kleine Eisbär feierlich.

„Menschen?“, fragte seine Mama. „Was sind Menschen?“

Stolz darauf, etwas zu wissen, das seine Mama nicht wusste, erklärte der kleine Eisbär, was Menschen sind. Nämlich Lebewesen auf zwei Beinen, die in Häusern wohnen und im Winter Mäntel und Stiefel anziehen. So wie der Weihnachtsmann eben.

„Bei den Menschen gibt es auch Große und Kleine, wie bei uns“, fügte das Eisbärkind hinzu.

„Und die Menschen versammeln sich um den Weihnachtsbaum“, wusste ein Pinguinjunge und winkte die Großen herbei, damit auch sie sich um den Baum versammeln konnten.

„Dann feiern sie ein Fest. Ein Fest mit allen, die sie liebhaben“, rief ein Pinguinmädchen.

Eine kleine scheue Katze, die die ganze Zeit hinten im Dunkel gesessen hatte, stand auf, um sich wegzuschleichen.

„Wo willst du denn hin?“, fragte die Eisbärin erstaunt.

„Ich gehöre doch nicht zu euch“, antwortete die kleine Katze. „Deshalb gehe ich lieber und lasse euch allein feiern.“

Was? Das kam ja gar nicht in Frage. Darin waren sich alle einig.

„Natürlich gehörst du zu uns!“, riefen die kleinen Pinguine. „Bleib doch hier! Dich haben wir auch lieb.“

„Wirklich?“ Die kleine scheue Katze konnte es kaum glauben.

„Na klar!“, lachte das Eisbärkind.

Die kleine Katze, die mit einem Mal gar nicht mehr scheu war, durfte auf den Rücken der Eisbärin klettern und eine letzte Weihnachtskugel, die noch übriggeblieben war, ganz oben an den Baum hängen.

Polly Becker für Breuninger, Boston, 2017

Der Weihnachtsmann räusperte sich und trat einen Schritt nach vorn. „Ich möchte mich bei euch bedanken“, sagte er.

Ihr habt einen Wunsch frei.

Ein Raunen ging durch die Reihen. Zuerst tuschelten die Tiere miteinander, dann wurden sie lauter und schließlich redeten alle wild durcheinander. Sie konnten sich nicht einfach nicht einig werden. Denn im Wünschen waren sie ganz ungeübt.

„Wie wäre es mit einem Freiflug in meinem Schlitten“, schlug der Weihnachtsmann vor.

„Aber wir können doch überhaupt nicht fliegen!“, riefen die Pinguine.

„Doch!“, lachte der Weihnachtsmann. „Wenn ich es will, dann könnt ihr fliegen. Ausnahmsweise. Und nur heute. Weil Weihnachten ist.“

Oh ja! Einmal fliegen können! Das wäre fein!

Und so kam es, dass in einer Weihnachtsnacht vor vielen Jahren ein Schlitten über den Himmel zog, der von Pinguinen gezogen wurde.

Außer dem Weihnachtsmann, einem Eisbären, einem Eisbärchen, ein paar Pinguinen und einer kleinen Katze, die nicht mehr scheu war, hat es niemand gesehen.

Und deshalb konnte sich auch keiner darüber wundern. Denn alle haben auch in dieser Weihnachtsnacht ihre Geschenke pünktlich bekommen.

Übrigens: Am Samstag 16.12.2017 liest der Weihnachtsmann von 11.00 bis 13.00 Uhr und von 16.00 bis 17.00 Uhr in der Abteilung Kinder (UG) im Haus Stuttgart verschiedene Weihnachtsgeschichten vor. Sollten Sie dies verpassen? Dann halten Sie nach unserem Breuni Bär Ausschau. Er verteilt im gesamten Haus Pixie-Bücher mit der Geschichte.