Clemens Schick und Michel Comte trafen sich in Paris zum Gespräch über Zunkunft
gespräche

welt im wandel (part 1)

Die tiefe Freundschaft zwischen dem Schauspieler Clemens Schick und dem Fotografen Michel Comte begann vor vielen Jahren. Sogar einen Film haben die beiden schon zusammen gedreht: Es war Michel Comtes beeindruckendes Spielfilmdebüt „The Girl from Nagasaki“.

Mittlerweile sehen sich die beiden leider recht selten, da jeder aufgrund seines Jobs zwei Drittel seiner Zeit in der Weltgeschichte unterwegs ist. Als die beiden sich nach fast einem Jahr nun in Paris wiedergesehen haben, war die Freude groß.

Ihr Gespräch über die Zukunft, was zu tun ist, um die Natur zu retten, oder wie sie sich ihre persönliche Zukunft vorstellen, kam schnell in Fahrt, denn beide sind sich einig: Wer die Möglichkeit hat, der ist verpflichtet, etwas Gutes für die Welt zu tun.

Michel Comte: Unsere Welt ist im Wandel. Wie wird unsere Zukunft aussehen? Welche Trends werden die Zukunft prägen? Wie wird unsere Gesellschaft oder auch der Zustand unserer Erde in 20 Jahren sein? Wir stehen vor so vielen spannenden Aufgaben. Clemens, eine Frage, die mich gleich interessiert: Was erwartest du für 2045? Elon Musk treibt z. B. sein SpaceXProjekt voran, Barack Obama träumt von der Marsmission 2035 …

Clemens Schick: Was ich in 28 Jahren erwarte? Oh, da fragst du mich etwas. Eine schwierige Frage. Momentan leben wir in einer solch verrückten Welt. Auf der einen Seite scheint es in der Türkei, in Ungarn und Polen wieder Richtung autoritäres System zu gehen, dann weiß man nicht, ob Donald Trump verrückt oder berechnend ist, und auf der anderen Seite gibt es in Frankreich, Irland und Serbien neue Hoffnungsträger. Ich empfinde gerade eine Mischung aus Zynismus und Hoffnungslosigkeit. Beides will ich aber nicht akzeptieren, weil ich daran glaube, dass man positiv denken muss. Ich kann deine Frage somit nur supernaiv beantworten: Ich wünsche mir, dass es mehr Gerechtigkeit, mehr Gleichberechtigung und mehr Frieden in der Welt geben wird.

Michel Comte: Das ist nicht naiv, das wünscht sich ohne Frage jeder von uns. Würdest du, wenn du die Möglichkeit hättest, einen Blick in deine persönliche Zukunft werfen?

Clemens Schick: Das würde ich mich nicht trauen. Aber weil wir beide gerade hier sitzen, könnten wir etwas zusammen planen. Du weißt, wie gerne ich mit dir arbeite. Würdest du einen Blick in die Zukunft wagen?

Michel Comte: Unter persönlicher Zukunft verstehe ich, keine Zeit zu verschwenden, mich mit Menschen zu umgeben, die ich wirklich mag, und keine Zeit mit Dingen zu vergeuden, die nicht notwendig sind. Zudem finde ich, trägt jeder Einzelne von uns große Verantwortung. Die Welt, so wie sie heute ist und wie sie in Zukunft sein wird, hängt mit unserem Verantwortungsbewusstsein zusammen. Wir haben eine (genetische) Prädisposition. Und darüber hinaus hat jeder von uns seine Art zu leben. Schlussendlich bestimmt unser persönlicher Lebensstil, wie unsere Welt zukünftig aussehen wird.

„Clemens Schick” by Michel Comte, Paris, 2017

Clemens Schick: Genau, unsere Zukunft liegt in unseren Händen. Wie sie aussehen wird, hängt von jeder Entscheidung ab, die wir täglich treffen. Je radikaler die Entscheidung, desto besser. Das Leben ist ein Lernprozess. Man lernt jeden Tag, seinen Instinkt zu schärfen und sich selbst mehr und mehr zu vertrauen. Angst vor der Zukunft habe ich daher keine.

Michel Comte: Und man sollte dem, was auch kommen mag, nicht entgegenwirken. Viel zu oft haben wir Erwartungen, doch je weniger Erwartungen wir haben, desto mehr fokussieren wir uns auf unsere Ziele. Und das führt schlussendlich dazu, dass unsere Ziele wahr werden. Weißt du, ein guter Freund von mir, ich liebe ihn sehr, wartet immer darauf, dass sein Agent ihn anruft. Eines Tages sagte ich zu ihm: „Du kannst nicht rumsitzen und warten, dass dein Telefon klingelt. Du musst aktiv werden. Wenn du einen Film oder ein bestimmtes Projekt realisieren möchtest, dann musst du auf den anderen zugehen und sagen: ,Ich habe ein tolles Buch gelesen. Ich möchte dich gerne treffen‘. Niemand wird dir böse sein, nicht einmal Martin Scorsese.“ Wenn man auf die richtige Art und Weise auf jemanden zugeht, nicht zu aufdringlich ist, dann ist es immer einen Versuch wert. Ich finde, es gibt nichts Sinnloseres, als auszuharren und darauf zu warten, dass etwas von allein passiert. Wir müssen mit unserer Zeit produktiv umgehen. Und wenn wir gerade mal nichts zu tun haben, dann können wir anderen helfen. Nur so können Dinge wachsen und gedeihen.

Clemens Schick: Während ich uns hier so reden höre, kommt mir ein Gedanke: Wir sollten nie vergessen, wie gut es uns geht. Wir sitzen hier im Plaza Athénée und diskutieren und philosophieren über die Zukunft. Wenn wir Angst vor unserer Zukunft hätten, wäre das lächerlich. Wir gehören zu den wenigen Menschen auf dieser Welt, die komplett frei sind, das zu tun, was sie wollen. Wir haben Willens- und Wahlfreiheit sowie die Möglichkeit, frei zu entscheiden. Das ist großer Luxus. Folglich sollten wir das nie vergessen und bescheiden bleiben. Im Grunde könnten wir jetzt eine neue Diskussion eröffnen und darüber debattieren, warum Europa so wertvoll ist und warum es wichtig ist, die Werte Europas zu verteidigen.

Michel Comte: Du hast eines vergessen: die Meinungsfreiheit.

Clemens Schick: Stimmt! Und das Recht auf Widerspruch.

Michel Comte: Widersprechen ist Luxus. Manchmal vergessen wir das. Ich möchte nochmals auf das Thema Zukunft zurückkommen. Wie stehst du eigentlich zu Science-Fiction-Filmen?

Clemens Schick: „Blade Runner“ gehört für mich definitiv zu den besten Science-Fiction-Filmen. Er ist ein echter Genre-Klassiker. Letztes Jahr hatte ich glücklicherweise die Möglichkeit, selbst bei einem Science-Fiction-Thriller mitzuwirken. Der Film heißt „Stille Reserven“. Es ist eine österreichisch-deutschschweizerische Coproduktion.

Widersprechen ist Luxus.

Michel Comte: Wann wird er erscheinen? Welche Geschichte steckt dahinter?

Clemens Schick: Er kam im April ins Kino. Ich sende ihn dir zu. Der Film spielt im Jahre 2033. Es geht darum, was passiert, wenn Menschen keine Emotionen mehr haben. Es war sehr spannend, sich mit dem Thema, was Emotionen in unserem Alltag bedeuten, auseinanderzusetzen. Hast du einen Science-Fiction-Lieblingsfilm?

Michel Comte: „Blade Runner“ ist toll. Und wenn man genauer darüber nachdenkt, passiert gegenwärtig vieles, was in dem Film Fiktion war. Ein weiterer kinematografischer Meilenstein, der an Aktualität nichts verloren hat, ist „2001: Odyssee im Weltraum“. Stanley Kubricks Werk ist für mich aber eigentlich kein echter Science-Fiction-Film, sondern vielmehr ein Film über Philosophie mit futuristischem Setting.

Clemens Schick: Oh ja! Ich erinnere mich ganz genau daran: „2001“ habe ich in London, im Odeon Theatre, gesehen. Das werde ich nie vergessen. Als der Film Premiere hatte, wurde ich, glaube ich, gerade geboren. Ich muss jedenfalls sehr, sehr klein gewesen sein.

Michel Comte: Ich denke, du warst damals noch gar nicht auf der Welt. Wenn ich mich richtig erinnere, kam der Film 1968 ins Kino. Der Film ist unglaublich. Er wurde auf eine recht einfache Art und Weise produziert. Damals baute man ja noch lauter kleine Modelle. Ich würde wahnsinnig gerne einen Science-Fiction-Film drehen. Doch dieses Genre gehört zu den Filmen, die, gerade durch die Technologie von heute, am schwierigsten zu produzieren sind.

„Clemens Schick” by Michel Comte, Paris, 2017