Clemens Schick und Michel Comte trafen sich in Paris zum Gespräch über Zunkunft
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welt im wandel (part 2)

Clemens Schick und Michel Comte trafen sich in Paris zum Gespäch über Zukunft. In einem waren sie sich sofort einig: „Unsere Zukunft liegt in unseren Händen.“

Clemens Schick: Apropos Technik: Autonomes Fahren soll ja angeblich in fünf Jahren Alltag werden. Freust du dich darauf?

Michel Comte: Wie du ja weißt, liebe ich Autos. Da wir inzwischen aber oftmals mehr Zeit im Stau als beim Fahren verbringen, gefällt mir die Idee, dass Autos zukünftig teil- bzw. vollautomatisiert sind. Mithilfe dieser Technologie ließe sich die Zeit effektiv nutzen. Für mich hieße das, ich hätte noch mehr Zeit zum Lesen und Zeichnen. Bislang hatte ich dafür nur im Flugzeug Zeit. Auf der anderen Seite könnte das autonome Fahren für manche Menschen auch Nachteile haben: Sie würden noch mehr arbeiten. Aber so ist es im Leben, es gibt immer Vor- und Nachteile. Wie ist das bei dir? Bist du ein Digital- oder ein Analog-Enthusiast?

Clemens Schick: Eines ist klar: Einem digital beeinflussten Leben können wir uns nicht mehr entziehen. Das Smartphone ist fester Bestandteil in unserem Leben und beherrscht unseren Alltag. Wenn ich allerdings die Wahl habe, entscheide ich mich für das Analoge. Für mich ist z. B. handschriftliche Post das intimste Kommunikationsmittel. Manchmal ist es nur ein Satz, aber egal wo ich bin, ich schreibe meinen allerengsten Freunden jeden Morgen. Es geht darum, mir Zeit für sie zu nehmen und in Gedanken bei ihnen zu sein. Das hat etwas sehr Rituelles, etwas angenehm Ruhiges. Selbstverständlich bin ich auch neugierig, wie und wohin sich unsere Technologie entwickeln wird. Und wie sich unser Leben dadurch verändern wird. Ich habe den Eindruck, dass wir, was technologische Entwicklungen betrifft, kurz vor einem neuen Abschnitt stehen.

„Clemens Schick” by Michel Comte, Paris, 2017

Michel Comte: Das sehe ich genauso. Abgesehen vom iPhone gab es in den letzten zehn Jahren keine wirklich großen Veränderungen.

Clemens Schick: Neulich habe ich im Radio eine Diskussion gehört. In der Sendung ging es um Folgendes: Sind künstliche Intelligenz und Roboter eine Bedrohung oder eine Chance? Was wird passieren, wenn Roboter superintelligent sind? Ein spannendes Thema, oder?

Michel Comte: Ja, absolut.

Clemens Schick: Einer der Sprecher meinte, dass Roboter nicht schlimmer sein könnten, als Menschen. Überleg mal, Michel: Maschinen könnten eines Tages gerechter und mitfühlender miteinander und mit uns sein. Das ist doch eine verrückte Theorie. Aber ich denke, es steckt sicherlich ein Stück Wahrheit darin.

Michel Comte: Ich denke, dass Roboter erheblich schlimmer sein können als Menschen. Zudem gibt es noch eine weitere Gefahr. Irgendjemand muss die Roboter ja via Computer steuern. Was passiert, wenn dahinter eine Regierung steckt? Roboter bzw. Maschinen ziehen ja jetzt schon in den Krieg. Die Gefahr wird daher immer sein: Wer wird den Kontrollknopf in der Hand haben?

Clemens Schick: Du hast Recht.

Michel Comte: In der Schweiz gab es neulich einen Fall: Ein Mann hatte an einer Facebook-Diskussion teilgenommen. Bei sechs Einträgen hatte er den „Gefällt mir“-Button gedrückt und in einem Fall einen Facebook-Post kommentiert. Da die Kommentare ehrverletzend waren, wurde der Mann vom Bezirksgericht wegen mehrfacher übler Nachrede zu einer Geldstrafe verurteilt. Auch hier stellt sich wieder die Frage: Wer tut das Richtige, wer das Falsche? Technologie lässt sich nicht aufhalten. Wir müssen aber sehr vorsichtig sein, dass die Technologie nicht die Macht über uns gewinnt. Letztendlich finden schon jetzt Formen der Informationsbeschaffung und -vermittlung statt. Das Wissen über unsere Gewohnheiten ist für Unternehmen die wertvollste Sache: Sie wissen z. B. was wir kaufen und was wir mögen. Sie können uns zu hundert Prozent kontrollieren. Die Frage ist nur, wer kontrolliert uns? Ist es Mark Zuckerberg, Donald Trump oder ist es Kim Jong-un?

Clemens Schick: Ein anderes Thema, das mich immer wieder genauso beschäftigt: Warum verhalten wir uns im Alltag oft nicht umweltschonend, obwohl wir wissen, dass unsere energie-, ressourcen- und abfallintensive Lebensweise grundlegend umgestaltet werden sollte? Was können wir tun, um die Natur zu retten? Aufgrund meiner vielen Reisen ist mein ökologischer Fußabdruck natürlich ein echtes Desaster, aber ich versuche so umweltbewusst wie möglich zu agieren. Und mein Bestes zu geben, auch wenn ich dabei den Eindruck habe, dass es nie genug sein wird. Empfindest du das nicht genauso?

„Clemens Schick” by Michel Comte, Paris, 2017

Michel Comte: Ich teile deine Meinung. Und glücklicherweise sind sehr viele Menschen aktiv. Ich denke, wer die Möglichkeit hat, der ist verpflichtet, etwas Gutes zu tun. Ich habe viel erlebt und viel gesehen in meinem Leben und dabei immer viel Glück gehabt. Ein Stück von diesem Glück möchte ich zurückgeben. Zu diesem Zweck habe ich zusammen mit dem Roten Kreuz ein Orthopädiezentrum in Kabul aufgebaut. Später folgte ein Krankenhaus in Ruanda. Darüber hinaus, wie du ja weißt, finanziere ich mit meiner „Water Foundation“ Projekte zur Reinigung von Wasser. Doch es gäbe noch so viel zu tun. Ich habe gehört, dass 2030 die gleiche Anzahl an Menschen an den Folgen von Hunger wie von Fettleibigkeit sterben wird. Die gleiche Anzahl! Das sagt doch alles …

Clemens Schick: Niemand in dieser Welt muss vor Hunger sterben. Es wäre möglich, dies zu verhindern. Doch es passiert nichts.

Michel Comte: Die Bastion von Superreichen tut einfach nicht genug. Irgendetwas läuft definitiv falsch, wenn man denkt, dass es auf der einen Seite Milliardäre gibt und auf der anderen Seite Menschen sterben müssen, weil sie nichts zu essen haben.

Clemens Schick: Nun, das liegt schließlich auch an uns. Keiner von uns geht deswegen zum Demonstrieren auf die Straße. Außerdem stellen auch die Folgen des Klimawandels große Herausforderungen im Kampf gegen den Hunger dar.

Michel Comte: Was meinst du, welche Maßnahmen müssten in den nächsten Jahren unternommen werden, damit unser Ökosystem besser wird?

Clemens Schick: Wir müssen uns über Folgendes im Klaren sein: Es geht nicht mehr nur darum, größere Gewinne zu erwirtschaften. Es geht vor allem darum, diese Welt und unsere Gesellschaft zu retten. Und dafür muss ein radikales Denken her – angefangen bei der Politik und der Gesellschaft. Die Politik muss aufhören, sich vom Lobbyismus diktieren zu lassen, dass es immer nur um Gewinne geht. Klar, wir leben in einem kapitalistischen Gesellschaftssystem, das ist okay so und daran wird man – dazu ist der Kapitalismus zu stark – nichts ändern können. Aber man muss eines begreifen: Kapitalismus wird auf Dauer nur weiter existieren, wenn der Kapitalismus begreift, dass er diese Welt und Umwelt braucht, um zu existieren. Wenn der Kapitalismus denkt, er könnte diese Erde immer weiter wie einen Schwamm ausdrücken, dann gibt es irgendwann keine Welt mehr. Und dann gibt es auch den Kapitalismus nicht mehr. Man kann nur hoffen, dass der Kapitalismus und die kapitalistische Gesellschaft das endlich begreifen.

Es geht darum, diese Welt und unsere Gesellschaft zu retten, nicht um größere wirtschaftliche Gewinne.

Michel Comte: Die Veränderungen weltweit in der Landschaft sind wirklich drastisch. Ich habe sie live gesehen. In den letzten 35 Jahren war ich für mein Langzeitprojekt „The Light“ sehr oft in der Schweiz, in Nepal, Tibet und den USA unterwegs. Ich habe dort die Berg- und Gletscherlandschaften mehrfach bewandert und fotografiert. Endlich sind alle Fotos in einem dreiteiligen Bildband vereint, es ist eines der größten zeitgenössischen Kunstprojekte zum Thema globale Erwärmung und ihre Folgen geworden. Es wird sogar eine Multimedia-Installation geben, die im „MAXXI – nationales Museum der Künste des 21. Jahrhunderts “ in Rom ihren Auftakt hat. Anschließend wird sie im Rahmen der Triennale in Mailand gezeigt und dann geht es weiter nach Seoul.

Clemens Schick: Das klingt großartig. Der Klimawandel macht auch vor vielen Inseln nicht Halt. Die Malediven oder auch die Osterinseln könnten schon bald für immer im Meer versinken.

Clemens Schick: Eines ist klar: Einem digital beeinflussten Leben können wir uns nicht mehr entziehen. Das Smartphone ist fester Bestandteil in unserem Leben und beherrscht unseren Alltag. Wenn ich allerdings die Wahl habe, entscheide ich mich für das Analoge. Für mich ist z. B. handschriftliche Post das intimste Kommunikationsmittel. Manchmal ist es nur ein Satz, aber egal wo ich bin, ich schreibe meinen allerengsten Freunden jeden Morgen. Es geht darum, mir Zeit für sie zu nehmen und in Gedanken bei ihnen zu sein. Das hat etwas sehr Rituelles, etwas angenehm Ruhiges. Selbstverständlich bin ich auch neugierig, wie und wohin sich unsere Technologie entwickeln wird. Und wie sich unser Leben dadurch verändern wird. Ich habe den Eindruck, dass wir, was technologische Entwicklungen betrifft, kurz vor einem neuen Abschnitt stehen.

Von der Natur kann man vieles lernen.

Michel Comte: Im Südpazifik passiert das bereits. Es verschwindet eine Insel nach der anderen. Bei circa 60 Inseln habe ich erlebt, dass die Menschen wegen des steigenden Meeresspiegels evakuiert werden mussten. Von der Natur kann man vieles lernen.

Clemens Schick: Das stimmt. Auf der ganzen Welt gibt es keine Tierart, die Müll produziert. Was Tiere hinterlassen, lässt sich recyclen. Der Müll der Menschen aber nicht. Nach Schätzungen produziert die Weltbevölkerung täglich ca. 3,5 Millionen Tonnen Abfall. Tendenz steigend.

Michel Comte: Die Natur ist stark, sehr stark. Ich denke, sie wird die einzige Rettung sein, die wir haben werden. Vielleicht wird die Natur uns eines Tages eines Besseren belehren und uns aufs Elementare reduzieren.

Clemens Schick: Ich hoffe, dass es dazu nicht kommen wird und wir Menschen vorher reagieren werden.

Michel Comte: Da fällt mir eine nette Anekdote ein, die ich in Big Sur erlebt habe. Nachts um 23.00 Uhr fragte ich den Taxifahrer: „Wie geht es Ihnen?“ Er antwortete: „Mir geht es bestens. Ich bin glücklich. Ich lebe hier in Big Sur. Gott erinnert uns jeden Tag daran, wie klein wir doch sind.“ Diesen Satz finde ich so unglaublich. Er bringt das, was wir sind und worüber wir wirklich nachdenken sollten, bestens auf den Punkt.

Clemens Schick: Dieser Gedanke gefällt mir auch sehr gut.