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gespräche

zwei ikonen unter sich
(part 2)

Der Godfather of Punk und Michel Comte kennen sich seit den neunziger Jahren. Jetzt trafen sie sich für die Edition N° 4 des Breuninger Magazins in Miami wieder. Ein Gespräch über Musik, gemeinsame Freunde und über Espresso als Lebenselixier.

Michel Comte: Welche französischen Musiker gehören zu deinen Favoriten?

Iggy Pop: Serge Gainsbourg. Und ich mag Joe Dassin. Aber besser als sie alle, ist Françoise Hardy.

Michel Comte: Hast du sie mal getroffen?

Iggy Pop: Ja, sie servierte mir mal ein Chateaubriand. Sie zeigte auf mich und sagte: „Sieh zu, dass du deinen Teller aufisst.“ Sie ist eine coole Braut.

Michel Comte: Ich habe sie und Serge oft im Ritz an der Hemingway-Bar getroffen. Sie saßen von halb zwölf bis eins Uhr nachts zusammen auf einem Stuhl.

Iggy Pop: Wow, das ist wahrhaftig.

Michel Comte: Sie waren wie siamesische Zwillinge. Dreimal die Woche kamen sie in die Bar. Fotografiert habe ich sie nie. Es gibt Dinge, die sollten einfach unberührt bleiben.

Michel Comte: Welche Musik inspiriert dich momentan?

Iggy Pop: Die Chicagoer Band Tortoise, Ricky Eat Acid und dieser Kerl aus Miami, Prefuse 73. Das geht Richtung Elektro. Auch Pete Doherty ist erstklassig. Kürzlich habe ich noch etwas gehört, kennst du SoKo?

Michel Comte: SoKo ist eine gute Freundin von mir. Wir haben vor drei Jahren angefangen, zusammenzuarbeiten. Sie ist ein großartiges Mädchen.

Iggy Pop: Sie ist sehr gut. Ihr Song „I’ll Kill Her“ ist beängstigend gut und inspirierend.

Iggy Pop by Michel Comte für Breuninger. Miami, 2017

Michel Comte: Glaubst du, junge Musiker haben es heute schwerer als es du damals hattest?

Iggy Pop: Es gibt heute viele Musiker, die es alleine versuchen, ohne Plattenindustrie, die dich nur abzockt. Diese ganze Maschinerie baute dich zwar auch auf, aber wenn ich damals eine Schallplatte produzierte, landete sie im hinteren Teil des Geschäfts. Wenn Bruce Springsteen – übrigens ein toller Kerl – eine Platte machte, dann war sie im Geschäft ganz vorne positioniert. Er hatte einen erstklassigen Manager und seine Musik war massentauglicher und professioneller aufgenommen. Heute ist es schwieriger, dauerhaft erfolgreich zu sein, aber andererseits ist es nicht mehr so ungleich. Du brauchst weder ein cleveres Management noch eine große Plattenfirma. Du nimmst einfach etwas auf und bringst es heraus. Aktuell gibt es verschiedenste, brillante Künstler, die auf dem aufbauen können, was Leute vor ihnen gemacht haben. Sie können sich aus allem etwas herauspicken und daraus, etwas viel Modernes machen.

Michel Comte: Wenn du eine Newcomer-Band zusammenstellen müsstest, wen würdest du nehmen?

Iggy Pop: Mich würde es reizen, einen Art illegalen Reality-Wettbewerb zu veranstalten. So ließen sich die dreckigsten, unausstehlichsten Kids finden und ich könnte aus ihnen eine Art Junior „Stooges“ machen. Und dann sehen, was passiert.

Michel Comte: Hört sich gut an. Was würdest du ihnen sagen, wenn sie dich fragen, wie man einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen kann?

Iggy Pop: Wenn man dauerhaft eine Rolle spielen möchte, muss man umherstreifen, nach einem Gefühl suchen und mit anderen in Verbindung treten. Du kannst daran auch scheitern, es ist keine Garantie, dass du deswegen bedeutsam wirst. Aber wenn du es nicht probierst, wird es dir nie gelingen.

Jetzt ist das Leben so viel schneller und erfüllter als jemals zuvor.

Michel Comte: Du bist 70 geworden. Willst du es da nicht etwas ruhiger angehen lassen?

Iggy Pop: Nein. Denn erst jetzt widerfahren mir die Dinge, die die anderen in ihren zwanziger Jahren erlebt haben.

Michel Comte: Das Gefühl kenne ich. Es ist viel passiert, als ich jung war. Doch jetzt ist das Leben so viel schneller und erfüllter als jemals zuvor.

Michel Comte: Wie hältst du dich gesund?

Iggy Pop: Ich gehe sehr früh schlafen und stehe, wenn ich ausreichend Schlaf abbekommen habe, auch früh auf. Neulich war ich auf einem Konzert von „Tortoise“. Ich liebe ihre Musik, aber um halb zehn fingen meine Hände an zu zittern.

Michel Comte: So geht es mir auch.

Iggy Pop: 1989 begegnete ich einem koreanischen Tai-Chi-Meister. Damals ging es mir echt übel. Er lehrte mir Qigong. Er war ein echt zäher Kotzbrocken und sagte immer: „Ich fordere meine Schüler heraus, höre Led Zeppelin und kann stundenlang Tantra-Sex haben“. Er ließ den kleinen, toughen Typen raushängen, aber er konnte es tatsächlich mit zwölf Männern aufnehmen. Er hat mir sehr geholfen. Nur wegen ihm, mache ich jeden Tag meine Übungen.

Michel Comte: Louise Bourgeois wurde 98 Jahre alt. Wirst du die 100 schaffen?

Iggy Pop: Keine Ahnung. Meine Mutter wurde 78 Jahre alt, mein Vater 86. Wir werden sehen. Manche Menschen trinken Kräutertee und legen großen Wert auf gesundes Essen. Zu diesen gehöre ich nicht. Ich trinke jeden Tag einen Espresso. Das ist mein Lebenselixier.