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Marietta Gädeke: „Weibliche Kommunikation braucht Strategie“

Marietta Gädeke ist Vorbildunternehmerin, Coach für Female Leadership und Strategische Kommunikation. Die deutschsprachige Debattiermeisterin gründete vor acht Jahren als Studentin ihr Unternehmen Lilit-Kommunikation. Gädeke verrät im Interview, wie Frauen und Männer kommunizieren und was die Trainerin am liebsten allen Frauen der Welt mit auf den Weg geben würde.

Liebe Frau Gädeke, vielen Dank für Ihre Zeit. Als Studentin haben Sie Ihr Unternehmen gegründet. Möchten Sie kurz erzählen, wie es dazu kam?

Ja, sehr gern! Für mich war die Situation damals sehr komfortabel. Ich hatte schon einen Nebenjob in der Medienforschung. Dadurch, dass ich aber 2007 die deutschen Meisterschaften im Debattieren gewonnen habe, hat mich eine Bekannte an Kommunalpolitiker für ein Rhetoriktraining weiterempfohlen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich nur an den Debattierclub-Abenden Studenten trainiert.

Erinnern Sie sich noch an Ihr erstes Training?

Ja, klar (lacht). Es waren Kommunalpolitiker, die alle etwa 40 Jahre älter waren als ich. Beim Feedback für meinen Kurs sagte der Platzhirsch der Teilnehmer, das war ein gestandener Mann aus dem Stadtrat: „Also ich hab’ in meinen Leben sicher schon vier Rhetorikseminare besucht. Und das hier war von allen das Beste!“

Das war der Moment, in dem ein Groschen gefallen ist und ich merkte, dass ich es wirklich gut kann. Nicht nur das Reden, auch anderen Leuten etwas beizubringen und sie zu ermutigen, über sich hinauszuwachsen. Ich habe gemerkt, dass ich Leuten gern die Hand reiche. Deswegen habe ich entschieden: In diese Richtung gehe ich weiter! Nicht nur im kleinen Kreis der Debattierer, sondern auch im, ich sag jetzt mal, realen Leben. In Wirtschaft und Politik.

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Aber sobald man in einem Unternehmen auf der Ebene ankommt, auf der jede(r) gute Arbeit leistet, tun sich Frauen schwer zu sagen: Ich möchte etwas! Ich will etwas! Und ich stehe auch dafür ein und traue mir das zu!

Debattieren bedeutet, eine kontroverse Streitfrage mit Argumenten zu gewinnen. Hören Sie oft so etwas wie „Ach, Sie streiten sicher gern?“

(lacht) Nein, das traut sich ja niemand. Beruflich höre ich das nicht. Privat aber hin und wieder ein „Oh, da muss ich jetzt wohl aufpassen, was ich sage“. Aber das Problem hat sicher auch jeder, der Psychologie studiert.

Achten Sie privat gar nicht darauf?

Natürlich fallen mir gewisse Dinge auf. Und manchmal denke ich mir schon: „Mensch, da hat jemand aber ganz schön viel Luft mit vielen tollen Worten aufgehübscht“. Aber Leute entlarven, mache ich nicht auf einer Party, sondern eben beruflich.

Beruflich arbeiten Sie mit Frauen Kommunikationsstrategien aus. Was sind typische Baustellen, an denen Sie mit Ihren Teilnehmerinnen arbeiten?

Frauen gehen oft von einer nicht ganz zutreffenden Prämisse aus: Sie glauben, wenn sie nur gute Arbeit leisten, wird das auch irgendwann anerkannt. Bis zu einem gewissen Grad stimmt das auch. Aber sobald man in einem Unternehmen auf der Ebene ankommt, auf der jede(r) gute Arbeit leistet, tun sich Frauen schwer zu sagen: Ich möchte etwas! Ich will etwas! Und ich stehe auch dafür ein und traue mir das zu!

Wir Frauen sind durch unsere Sozialisation beeinflusst und trauen uns bei gleicher Qualifikation weniger zu als Männer. Wir machen uns klein, indem wir denken, wir sind klein.

Welche Bereiche in der Kommunikation betrifft das zum Beispiel?

Ganz oft bei Gehaltsverhandlungen. Frauen recherchieren ihren Marktwert, der bei X liegt, und treten dann in die Verhandlung. Wenn sie aber auch nur X fordern, und nicht „X Plus Verhandlungsspielraum“, dann muss man kein Genie sein, um zu erkennen, dass sie am Ende weniger als X bekommen. Der andere hat ja ebenfalls einen Verhandlungsspielraum. Weibliche Kommunikation braucht daher Strategie.

Ist es denn strategisch sinnvoller als Frau im Kommunikationsverhalten männlicher aufzutreten oder weiblicher?

Ich glaube die beste Strategie ist der Mix aus beidem. Man sollte sich aber nicht verleugnen. Frauen sind eben keine Männer! Und dementsprechend können sie manche Dinge besser oder schlechter. Ich kenne auch Männer, die ihre Wünsche und Forderungen nicht kommunizieren können oder ihre Karriere nicht strategische aufbauen. Das hat erst mal nichts mit Geschlecht zu tun. Aber in der Tendenz geht das auf unsere Sozialisation zurück, ob wir stärker oder schwächer etwas anpacken. Frauen wird von klein auf beigebraucht: Sei nicht so laut, pass dich an. Wenn es in den Wettbewerb geht, sind Frauen mit ganz anderen Fragen konfrontiert: Wie teile ich aus? Wie fordere ich, was mir zusteht? Oder auch: Wie beweise ich, dass ich die bessere Kandidatin bin? Wie kann ich einstecken? Besonders bei dieser Frage haben Frauen Defizite.

Menschen merken, wenn sie zu ihrem Nachteil manipuliert werden, auch wenn sie im entscheidenden Moment nicht richtig reagieren können.

Women in Business Insights - Frau spricht am Meetingtisch. Women in Business Insights - Frau spricht am Meetingtisch. Women in Business Insights - Frau spricht am Meetingtisch.

Strategische Empathie ist neben Female Leadership Ihr Schwerpunkt. Es klingt sehr eindrucksvoll, aber geht es da im Grunde nicht um Manipulation?

(lacht) Ja klar, das ist der erste Gedanke, aber im Endeffekt ist es ein Tool, das wir nutzen. Wenn Sie es wertfrei betrachten, werden Sie erkennen: Sie werden tagtäglich manipuliert. Ob von der Werbung oder Ihren Mitmenschen. Wenn ich sage „Hier, kannst du das mal bitte für mich erledigen?“ und dabei einen freundlichen Tonfall verwende, manipuliere ich schon, weil ich schon den Willen eines anderen überschreite. Aber wie gesagt, es ist ein Werkzeug der Strategie: Ich habe ein Ziel und richte mein Verhalten danach aus.

Das klingt aber fast schon berechnend.

Natürlich gibt es ethische und moralische Grenzen. Und absolut berechnend sein, ist nicht gut. Ich appelliere daher immer an meine Teilnehmer und zitiere gern Spiderman: „Aus großer Kraft folgt große Verantwortung“. Das gilt hier genauso! Man sollte sich immer überlegen, ob das Umsetzen der Strategie und die von mir aus Manipulation mein Gegenüber zu sehr beeinflusst. Im Zweifel kommt das nämlich wie ein Bumerang zurück. Menschen merken, wenn sie zu ihrem Nachteil manipuliert werden, auch wenn sie im entscheidenden Moment nicht richtig reagieren können. Und wenn ich es übertreibe, laufe ich Gefahr eine Partnerschaft, die ich aufbauen wollte, zu beeinträchtigen und vielleicht sogar zu zerstören. Denn Menschen merken sich das!

Wie wäre also die ideale Vorgehensweise?

Strategie sollte nicht absolute Interessensleitung sein, ohne jeglichen moralischen Anspruch. Sie sollte mit Empathie zum Einsatz kommen und Menschen überzeugen!

Leben Sie Female Leadership oder sehen Sie sich eher als Coach?

Als Unternehmerin lebe ich Female Leadership natürlich. Aber ich achte sehr darauf, dass ich meine Tipps nicht nur in Seminaren weitergebe, sondern den Spirit auch nach innen lebe. Ich gebe Frauen in meinem Unternehmen Chancen, sich zu entwickeln, von der Praktikantin bis zur Mitarbeiterin. Viele Unternehmen verschenken hier sehr viel Potenzial bei Frauen, weil sie denken „Die wird bald schwanger“ oder „Sie zeigt kein Engagement“, nur weil sie anfangs etwas schüchtern ist. Ich durchschaue das und setze bewusst darauf, Frauen in meinem Unternehmen voran zu bringen und zu Führungspersönlichkeiten auszubilden.

Wenn Sie ein Megaphon hätten und alle Frauen der Welt könnten Sie hören: Was würden Sie ihnen sagen wollen?

Steht für euch ein! Macht was! Nehmt Dinge nicht einfach hin. Sagt nicht: Ach, da kann ich eh nichts machen! Ach, das ist ja sicher nichts für mich. Ach, ich bin ja nur ’ne Frau. Andere können das besser. Nein! Erkennt, dass ihr was könnt und macht was draus! Entwickelt den Willen, das auch umzusetzen. Das können Frauen auf allen Kontinenten sicher gebrauchen.

Kleiner
Tipp

Tipps von Marietta Gädeke:

  1. Fordern Sie Anerkennung und Status für Ihre Arbeit, die Ihre Leistungen widerspiegelt.

  2. Pokern Sie bei Gehaltsverhandlungen höher, damit Sie am Ende dort herauskommen, wo Sie hinwollten. Testen Sie ihren Marktwert.

  3. Sprechen Sie Dinge an, die Sie stören und sagen Sie sich: Ich will das! Ich verdiene das auch!

  4. Streichen Sie Weichmacher, Konjunktive und alle Formulierungen die Sie sprachlich klein machen aus ihrem Wortschatz.

  5. Stellen Sie auf Veranstaltungen öffentlich Fragen. Das bringt Sichtbarkeit und erleichtert das Netzwerken.

  6. Fassen Sie Niederlagen sportlich auf: Nehmen Sie die Niederlage als Chance für die Zukunft wahr - Wettbewerb bedeutet, der für den Moment bessere Kandidat setzt sich durch.