Pionierbau der Nachhaltigkeit: Das erste Aktivhaus B10 der Welt, designt von Werner Sobek (Foto: Zooey Braun)
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die wohnung der zukunft

Vincent Callebaut, Stefano Boeri, Jean Nouvel oder Werner Sobek: Sie alle haben sich mit ihren spektakulären Bauten international einen Namen gemacht und gehören zu den visionären und preisgekrönten Architekten unserer Zeit. Ihre Ideen und Konzepte, wie wir zukünftig leben werden, sind natürlich individuell. Doch in zwei Dingen sind sie sich alle absolut einig:

Die Architektur und die Natur müssen eine stärkere Symbiose eingehen – und es muss dem Klimakiller CO2 der Kampf angesagt werden. Ein erster Schritt ist durch den „Urban Gardening“-Trend bereits gemacht – auf den Dächern der Städte, ob New York, Tokio oder Berlin, grünt es immer öfter. Und auch sonst wird vermehrt nachhaltiger und ökologischer gebaut. Einer der Vorreiter ist dabei zweifellos Werner Sobek. Der deutsche Architekt und Ingenieur zählt im Bereich des nachhaltigen Bauens zu den wichtigsten Architekten der Gegenwart.

Darüber hinaus hat er den Begriff „Aktivhaus“ geprägt und 2014 in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung – in prominenter Nachbarschaft von Gebäuden von Ludwig Mies van der Rohe, Le Corbusier oder Walter Gropius – das erste Aktivhaus der Welt mit dem Namen B10 gebaut.

Von Stephanie Fiederer, Geschäftsführerin der AH Aktiv-Haus GmbH, wollen wir wissen, warum es so wichtig ist beim Hausbau umzudenken, und was es mit den Aktivhäusern R128 und B10 auf sich hat.

Die Herausforderung der Zukunft wird sein, nachhaltig und intelligent zu bauen. Wir müssen unseren Ressourcenverbrauch reduzieren, die vorhandene emissionsfreie Energie der Sonne nutzen und über Rezyklierbarkeit von Gebäuden nachdenken.

„Wir stehen vor enormen Herausforderungen. Jeder Bundesbürger besitzt im Durchschnitt ca. 490 Tonnen an Baustoffen. Gleichzeitig wächst die Weltbevölkerung jede Sekunde (!) um ca. 2,6 Menschen. Wollten wir jeden neugeborenen Erdenbürger mit einem baulichen Standard, wie wir ihn selbst erwarten, versorgen, dann müssten wir pro Sekunde nahezu 1300 Tonnen an Baustoffen gewinnen, verarbeiten, transportieren sowie verbauen. Und wenn man es genau nimmt, müssen diese irgendwann in den kommenden Jahrzehnten auch wieder entsorgt werden“, erklärt Frau Fiederer.

Absolut einleuchtend also, dass dies nicht zu leisten ist, ohne dass unser Planet extrem in Mitleidenschaft gezogen wird. Die Lösung? „Den Modulbau nachhaltig zu machen. Konkret heißt das: Unsere Gebäude sollen die Umwelt so wenig wie möglich belasten und dem sogenannten Triple Zero-Gedanken folgen. Darunter verstehen wir, dass unsere Häuser nicht mehr Energie verbrauchen, als sie selbst aus nachhaltigen Quellen erzeugen (zero energy), dass die Häuser für Mensch oder Umwelt keine schädlichen Emissionen wie CO2 erzeugen (zero emissions) und dass sie vollständig in technische oder biologische Kreisläufe zurückgeführt werden (zero waste).“

Die Energiewende muss jetzt kommen!

Was also lange als Zukunftsmusik abgetan wurde, ist Realität geworden. Im B10 Aktivhaus laufen die Wasch- und Spülmaschine, wenn der Strom günstig ist, die Raumtemperatur passt sich automatisch den Wetterbedingungen und dem Nutzerverhalten an, und die Photovoltaikanlage auf dem Dach produziert so viel Energie, dass sie für die beiden Elektroautos vor der Haustüre wie für das Haus nebenan, das Weißenhofmuseum, reicht. Weitere Besonderheiten: „Das Haus wurde vollständig im Werk vorgefertigt, getestet und anschließend auf die Baustelle gebracht“, so Stephanie Fiederer.

„Nachdem die Leitungen angeschlossen waren, war es sofort betriebsbereit. Und so wie das Haus an einem Tag errichtet wurde, kann es am Ende seiner Lebenszeit auch wieder innerhalb eines Tages abtransportiert und sortenrein in seine Bestandteile zerlegt werden.

Projekte wie B10 zeigen: Wir können und müssen die Prozesse bei Planung und Produktion überdenken und auf breiter Ebene überarbeiten. Ziel muss die Entwicklung von industriellen Prozessen sein, die dem Bauen in der Zukunft zugrunde liegen kann“.

Modulares Bauen ermöglicht große Flexibilität. Mit wenigen Umbauten lässt sich die Dachterrasse schnell verändern.
(Foto: Zooey Braun)

Stephanie Fiederer weiter: „Wir müssen mit weniger Materialien mehr gebaute Umwelt schaffen – und das in kürzerer Zeit und zu niedrigeren Kosten als bisher. Mit den jetzigen Mitteln und auf der Baustelle selbst ist dies nicht zu realisieren. Es geht vielmehr darum, große Bauteile oder ganze Gebäude nach industriellen Qualitätsstandards vorzufertigen und anzuliefern. Ein Beispiel, wie dies gelingen kann, ist die Ende 2016 realisierte Aktivhaus-Siedlung am Rande von Winnenden.“

Dass die nachhaltig konzipierte, modulare Wohnanlage für 200 Personen zu Recht mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde, hat mehrere Gründe: Pro Gebäude beziehungsweise pro Geschoss war nur ein Tag für die Montage nötig und diese erfolgte sogar geräuschlos, da weder ein Hammer noch eine Säge gebraucht wurden.

Des Weiteren sind alle verwendeten Materialien ressourcenschonend und recycelbar. Und falls die Gebäude irgendwann anderweitig verwendet werden sollen, können Wände herausgenommen werden und aus den kleinen Wohnungen größere gemacht werden.

„Sie können noch ein Stockwerk draufsetzen oder das obere herunternehmen und woanders aufstellen“, erklärt Werner Sobek. Auf die Frage wie lange sich die Module halten, antwortet er: „Bei guter Pflege 300 bis 400 Jahre, wie eine Berner Sennhütte aus Holz.“ Besser kann nachhaltiges Bauen definitiv nicht gelingen.