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Iggy Pop by Michel Comte für Breuninger. Miami, 2017
gespräche

zwei ikonen unter sich

Völlig nackt, nur mit Gucci-Sandalen bekleidet, kam Iggy Pop im Rolls-Royce zum Treffen mit Michel Comte angefahren. Der Godfather of Punk und Michel Comte sind sich in den neunziger Jahren das erste Mal begegnet. Jetzt trafen sie sich für die Edition N° 4 des Breuninger Magazins in Miami wieder. Ein Gespräch über das Altern, den inneren Frieden und was das Leben liebenswert macht.
(Part 1)

Michel Comte: Iggy, ich habe mal ein Mädchen in Paris getroffen. Sie war 92, aber immer noch ein Mädchen: Es war Louise Bourgeois.

Iggy Pop: Von ihr habe ich schon gehört.

Michel Comte: Eine berühmte zeitgenössische Künstlerin. Ich habe mit ihr im Palais de Tokyo eine Ausstellung gemacht. Sie sagte zu mir: „Ich habe gehört, Sie sind ganz in Ordnung. Werden Sie mich fotografieren?“ Sie ließ ihren Umhang herunter und stand da, wie eine wundervolle Statue. Sie drehte mir ihr Profil zu und lächelte. Jahre später baten mich die Vereinten Nationen, ihnen ein Foto meines Lieblingsmädchens zu schicken – ich sendete ihnen dieses Bild.

Iggy Pop: Wow! Welch eine Geschichte.

Michel Comte: Ich erzähle dir das, weil du mich an sie erinnerst. „Reifes“ Alter und Jugend vereint in einer Person. Ich habe dich vor zwanzig Jahren kennengelernt, es fühlt sich jedoch an, als ob nur zwei Tage seitdem vergangen wären. Wie kann das sein?

Das Schwierigste im Leben ist, Liebe zu finden. Wenn du sie gefunden hast alterst du nicht. Die Zeit vergeht einfach wie im Flug.

Iggy Pop: Du weißt doch, das Schwierigste im Leben ist, Liebe zu finden. Wenn du sie gefunden hast, alterst du nicht. Wenn ich am Montag niemanden gefunden habe, den ich lieben kann, dann verliebe ich mich in die Wolken oder so. Ich sorge jedenfalls dafür, dass ich etwas lieben kann. Denn wenn ich nicht verliebt bin, leide ich.

Michel Comte: Wie leidest du?

Iggy Pop: Nun, wie jeder andere hatte auch ich immer Probleme. Probleme, die andere mir auferlegt haben: Ich war nicht schön, nicht reich, nicht gut oder was auch immer nicht genug. Ich musste diese Probleme erst lösen, um Ruhe zu finden. Mein Album „Soldier“ von 1979 klang wie ein besonders unausstehliches Kind – es spiegelte meinen Gemütszustand wider, das machte mich verwundbar. Die Plattenfirma sagte: „Das wird sich nicht verkaufen.“ Ich musste gegen diese herrschenden Hierarchien ankämpfen.

Michel Comte: Du wohnst inzwischen in Miami. Wie lebt es sich hier?

Iggy Pop: Ich bin in einer Wohnwagensiedlung in Michigan aufgewachsen. Ich besaß nichts, bis ich mich mit Anfang zwanzig in New York niederließ. Wie alle, wollte ich es hier, zu etwas bringen. Und ich habe es geschafft, mit den typischen Nebenerscheinungen: Geld, Drogen, gescheiterten Beziehungen und all das. Um diesen ständigen Auseinandersetzungen zu entkommen, ging ich Ende der neunziger Jahre nach Miami. Hier hat das Leben angefangen, wieder Spaß zu machen. Miami ist kein Paradies, aber man kann es hier gut aushalten. Jeden Tag ans Meer gehen zu können, bedeutet für mich das Ende aller Erschwernisse. Mit dem Blick aufs Wasser, dieses schimmernde Wesen, das lebt und in dem alles irgendwie verschwindet, begannen meine Wunden zu verheilen.

Michel Comte: Und du hast geheiratet.

Iggy Pop: Ja, und es funktioniert ziemlich gut, da wir nur teilweise Zeit miteinander verbringen. Die Hälfte der Zeit bin ich alleine, entweder in meinem Strandhaus oder auf Reisen. Wenn ich die ganze Zeit an einem Ort wäre, wäre ich nirgendwo glücklich. Ich brauche Bewegung, das bin ich so gewöhnt. Mit 16 zog ich los und merkte, dass ich mit dem Auto irgendwohin fahren und Menschen unterhalten kann. Und dafür bezahlt werde. Versteh mich nicht falsch. Ich mag meine Villa. Ein Engländer mit Geschmack und Humor hat sie für mich designt. Er baute mir ein marokkanisches Haus im Tiki-Stil mit einer fast 40 Meter langen Rundum-Veranda. Diese ist mit wunderschönen marokkanischen Laternen verziert. Am Ende gibt es eine Arkade mit einem sehr großen Jacuzzi im Hawaii-Stil und einem Pool.

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Iggy Pop by Michel Comte für Breuninger. Miami, 2017