©Stefano Guindani/SGP
gespräche

ein gespräch über schönheit

Wir haben Renzo Rosso, den Präsidenten der „OTB – Only the Brave“-Holding namhafter Modeunternehmen, in seinem Hauptquartier in Breganze getroffen. Im Zentrum des Gesprächs stand die von ihm 1978 gegründete Marke Diesel. Ihr hat er sich in den letzten zwei Jahren aufs Neue intensiv gewidmet, nicht zuletzt, um für mehr Nachhaltigkeit in der Produktion zu sorgen.

Im Interview spricht Renzo Rosso über bisherige Fortschritte und weitere Pläne, über Träume und das, was das Leben für ihn schöner macht.

Sie haben Plastikbehälter aus Ihrem Unternehmen ausgeschlossen.

Renzo Rosso: Das war eine einfache Maßnahme, die jeder versteht. Was wir für die Nachhaltigkeit tun und planen, ist viel umfassender. Ich bin auf einem Bauernhof zur Welt gekommen, mir ist Recycling vertraut. Meine Eltern haben ihre Wertschätzung der Natur an mich weitergegeben.

Auch positives Denken gehört dazu, der Optimismus, dass sich für Probleme Lösungen finden lassen und man anderen dabei helfen muss. Vielleicht hatte es damit zu tun, dass meine Eltern katholisch waren. Ich spreche vom Respekt für andere Menschen und den Wert des Lebens.

Nach welchem Prinzip haben Sie die Natur rund um das Diesel-Hauptquartier neu gestaltet?

Darüber habe ich vor dem Bauen viel nachgedacht. Der Komplex ist in die Hügel hineingebaut. Ich habe von einer Art Teletubbies-Landschaft geträumt, von der sanften Schönheit hügeligen Grüns. Deshalb gibt es auch ein mehrstöckiges Parkhaus und keinen uferlosen Parkplatz. Eines Tages, hoffe ich, werden die Bäume das Gebäude überragen.

Ein ganzheitlich nachhaltiger unternehmerischer Ansatz und das Wohlergehen seiner Mitarbeiter liegen Renzo Rosso am Herzen ©Domenicali

Eine über mehrere Etagen reichende Wand im Empfangsbereich ist ganz mit Pflanzen bewachsen.

Ja, drinnen gibt es viel Nachhaltigkeit, zu unserem Kindergarten gehört auch eine Obstbaumwiese. Ich hatte gelesen, dass 70 Prozent der Kinder denken, die Pommes frites wachsen an Bäumen. Hier können die Kleinen die Natur erkunden.

Sie haben Eco-Age, eine internationale Beratungsfirma für Nachhaltigkeit, engagiert, um bei der Diesel-Reform zu helfen.

Mit dem Coaching von Eco-Age kontrollieren wir jetzt unsere ganze Herstellungskette. Das entspricht der Diesel Mentalität der Autonomie. Wir engagieren uns auch in der Erziehung unserer Mitarbeiter. Jeder im Unternehmen trifft täglich Entscheidungen, die nachhaltiger werden können. Aber das will ich auch nach außen kommunizieren.

Wir können die Welt nicht retten, aber alles tun, was in unserer Reichweite liegt. Das schließt auch die Konsumenten ein. Sie suchen bei einer Marke nicht mehr nur einen bestimmten Stil, sondern auch ein Haus, mit dessen Verhalten sie sich identifizieren können und dessen Geschichten sie mögen.

Denim ist so schön wie das herbstliche Laub. Vor allem bedeutet eine Jeans gute Gefühle, blauen Himmel. Durch sie sind wir der Natur näher, die selbst beständig in ihre Bestandteile zerfällt.

Sie sagten, dass Sie Ihren Instagram-Account mit Ihrer Seele betreiben.

Ich träume davon, meine Seele und Leidenschaft noch mehr zum Ausdruck zu bringen. Aber meine Präsenz bei Instagram ist sehr wirklich. Alles, was ich dort schreibe, und die Fotos sind von mir. Ich möchte das Produkt mit meiner und all den Geschichten verbinden, die ins Produkt eingehen. Erst so entsteht ein Verlangen.

Das heißt, es geht Ihnen um Gefühle, um etwas Immaterielles.

Exakt. Für mich geht es seit der frühen Kindheit um Kommunikation, und so führe ich die Diesel-Marke. In den letzten 40 Jahren gab es sicher Zeiten, in denen ich mehr Manager war, deshalb freue ich mich doppelt über den Respekt, den wir in den letzten Jahren zurückgewonnen haben. Viele junge Leute fangen in diesem Unternehmen an, vor
einigen Jahren kannten sie nicht mal den Namen.

Sie haben sich schon als junger Mann in die Blue Jeans verliebt. Was fanden Sie schön daran?

Für mich ist sie eine Art Rebellion. Sie steht für die Zeit um 1968, als sich die Kinder gegen ihre Eltern aufgelehnt haben, mit langen Haaren und den Rolling Stones. Bis ich zwölf war, habe ich nur die Hosen meines älteren Bruders aufgetragen. Ich kannte gar keine neuen Hosen. Deshalb war ich unglaublich glücklich über meine erste Jeans. Das Beste war das Etikett. Ich fühlte mich in der Schule wie ein König.

Haben Sie damals bereits gespürt, dass Denim Ihre Berufung war?

Überhaupt nicht, aber ich hatte immer schon etwas mehr Energie. Als ich zwölf war, hat mir ein Freund ein Kaninchen geschenkt. Aus dem einen sind schnell 15 geworden. Ich habe sie gefüttert, kleine Häuser gebaut und eine Trinkanlage konstruiert.

Ein 250 m2 hoher vertikaler Garten mit 9.000 Pflanzen schmückt die lichtdurchflutete Empfangshalle im Headquarter von Diesel

Die Denim-Ästhetik feiert den Look des Erfahrungsgesättigten und vom Leben Gebrauchten. Kann man hier von einer Schönheit des Hässlichen sprechen?

Aber eine Jeans ist doch nicht hässlich. Sie schimmert in vielen Blautönen, jede ist anders aufgetragen, ein Einzelstück, im Grunde Couture.

Durch sie sind wir der Natur näher, die selbst beständig in ihre Bestandteile zerfällt. Für mich ist Denim so schön wie das herbstliche Laub. Vor allem bedeutet eine Jeans gute Gefühle, Bequemlichkeit, blauen Himmel, Wochenende. Mit der Denim-Industrie allerdings sieht es anders aus, weil sie nicht besonders nachhaltig ist.

Das will Diesel ändern. Vor allem schränken wir den Wasserverbrauch ein. Normalerweise sind für die Produktion von einer Jeans 1.000 Liter Wasser nötig. Wir können am Wasserverbrauch bei der Baumwollherstellung nichts ändern, im Färbeprozess aber schon. Heute benutzen wir 80 Prozent des Wassers für mehrere Waschvorgänge.

Wie sieht es mit den eingesetzten Chemikalien aus?

Da sind wir fast an der Null. Man kann denselben Effekt durch Lasering erreichen. Das ist natürlich etwas teurer. Ich träume davon, dass ein Viertel unserer Denim-Kreationen in der nächsten Saison grün sein wird. Das ist ein hohes Ziel.

Sie bringen auch eine Upcycling-Kollektion heraus.
Alles, was in den Geschäften am Jahresende übrig bleibt, wird frisch zugeschnitten und entworfen. So erhält es ein neues Leben. Die erste Kollektion umfasst 5.055 Teile.

Kommt Nachhaltigkeit auch Ihrem Schönheitssinn entgegen?

Natürlich, weil wir die Vielfalt schonen. Wir erleben sie viel intensiver, weil sie seltener wird.

Die Distressed Jeans ist ein Liebling der Konsumenten. Glauben Sie, dass diese Ästhetik des Unperfekten sich im Zuge der Nachhaltigkeit auch auf andere Kleidungsstücke ausdehnen wird?

Dahin wird es kommen, aber die Menschen müssen die Zusammenhänge erst verstehen lernen. Heute gibt es davon noch nicht so viele, es braucht Zeit.

Ich habe Diesel wieder Blut, Passion und Träume gegeben.

Der frisch gepflügte Boden in dieser Gegend sieht sehr fett und fruchtbar aus. Hat auch Ihr Weingut so eine exzellente Lage?

Das Veneto ist Italiens größte Weinanbaugegend, noch vor dem Piemont und der Toskana. Aber die Weinproduktion ist trotzdem keine Kleinigkeit. Einmal, weil die Berge fast senkrecht sind. Zudem haben wir das Gut vor drei Jahren auf organisch umgestellt. Wir benutzen keine Pestizide mehr.

Alles wird per Hand gemacht, was zu höheren Kosten führt. In manchen Jahren fällt die Ernte sehr niedrig aus.

Ist Ihr Freund, der Dalai Lama, eine Inspiration für Ihre Reformen?

Der Dalai Lama ist ein fantastischer Mensch. Ich hatte das Glück, ihn oft zu treffen. Er hat eine unglaubliche Seele und Bildung, deshalb spreche ich so gerne mit ihm. Er ist eine Inspiration für soziale Veränderungen.

Ich habe immer im Stillen gegeben, aber er sagte: „Renzo, das ist falsch. Wenn du etwas für andere tust, musst du es sichtbar machen. Denn wenn die Menschen von positiven Entwicklungen hören, werden sie es nachmachen.“ Deshalb habe ich vor 15 Jahren meine Stiftung gegründet und bin heute sehr stolz darauf.

Wofür engagiert sich Ihre Stiftung?

An ganz verschiedenen Fronten, z. B. bei Gewalt gegen Frauen. Allein in unserer Stadt Vicenza gibt es pro Tag drei Vorfälle. Können Sie sich das vorstellen? Wir unterstützen die Frauen, die ins Krankenhaus müssen, stellen ihnen Psychologen zur Verfügung und bezahlen den Anwalt. Wenn nötig, helfen wir auch bei ihrem Lebensunterhalt.

Viele Diesel-Mitarbeiter kümmern sich als Volontäre um die Stiftung, die keine Angestellten hat. Wir geben den Mitarbeitern frei, wenn sie im Auftrag der Stiftung für ein, zwei Wochen nach Afrika gehen wollen.

Wie ruhen Sie sich von Ihren vielen anspruchsvollen Aufgaben aus?

Ich würde gerne, aber in den letzten zwei Jahren habe ich kaum geschlafen. Es waren die schwersten meines Lebens. Ich musste Diesel zurückholen und ändern, was nicht mehr funktionierte. Das war sehr hart.

Es ging nicht nur ums Produkt, das ganze Unternehmen war zu sehr aufs Management
ausgerichtet. Nicht cool genug, zu wenig Leidenschaft. Ich habe Diesel wieder Blut, Passion und Träume gegeben.

Bei unserer letzten internen Präsentation kamen Mitarbeiter nach meiner Rede zu mir und sagten, dass sie das Lächeln in meinen Augen gesehen haben, das lange nicht mehr da gewesen war. Das Unternehmen kommt in Fahrt, ich kann langsam wieder atmen.

Dann hatten Sie kaum Zeit für die schönen Seiten des Lebens?

Sie machen sich keine Vorstellung, wie ich das Schöne genieße. Wenn ich eine Stunde Pause habe, gehe ich durch meine Räume und überlege, was ich verbessern kann, oder tausche im Garten eine Pflanze aus.

Ich habe ein SUV gekauft und gleich individualisiert. Das Sitzleder hat jetzt den Stil einer Motorradjacke mit entsprechenden Nähten. Ich habe die Türgriffe entfernen lassen, um die Silhouette nicht zu stören. Ich muss jetzt zum Öffnen nur etwas Druck ausüben. Ich verlasse mich auf den Geschmack meiner Augen.