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gespräche

create yourself

Ihre natürliche Ausstrahlung und Wandelbarkeit machten Carlotta Kohl für Michel Comte zur besten Besetzung vor seiner Fotokamera.

Interview: Inga Liningaan Langkay

Carlotta Kohl steht für eine neue Generation. Sie definiert sich durch den Moment anstatt durch das Medium und setzt Impulse, ganz nah am Zeitgeist. Die 24-jährige gebürtige Deutsche wuchs in Paris und den Hamptons auf. Sie fotografiert, wird fotografiert, malt, modelt – bewegt sich zwischen Kunst, Mode und Kultur, ohne dabei Grenzen zu ziehen. Für dieses Editorial stand sie vor Michel Comtes Kamera – selbstbewusst, spannend, spontan. Eben ganz so wie die Generation, die sie prägt.

Carlotta, what’s up next for you?

Meine erste Einzelausstellung. Ich stecke in den Vorbereitungen.

Wie haben sich die Wege von Ihnen und Michel Comte gekreuzt?

Mein Vater und er kennen sich. Sofern ich mich richtig erinnere, hat bereits meine Mutter früher Modell für Michel gestanden. Wir haben eine sehr freundschaftliche Beziehung, keine rein berufliche. Das macht in unserer Zusammenarbeit unglaublich viel aus.

Sie haben bereits an unterschiedlichen Projekten gemeinsam gearbeitet.

Wir haben für die italienische Vogue einen Modefilm gedreht und er fotografierte mich für eine Just-Cavalli-Kampagne.

Für die Fotostrecke dieses Magazins haben Sie Michel Comte in der Sheats Goldstein Residence getroffen. Wie war die Atmosphäre vor Ort?

An dem Morgen war es nebelig. Man kann die Atmosphäre auf einigen der Bilder sehr gut erahnen. Es hatte etwas Geheimnisvolles. Auch das Licht blieb mir in Erinnerung, die versteckten Sonnenstrahlen, das viele Grün. Surreal und fantastisch sind wohl die Worte, die es am besten beschreiben.

Ihre Beschreibung erinnert mich an einen Kommentar, den ich einmal über die Häuser des verantwortlichen Architekten John Lautner gelesen habe: „Man kann die Gebäude von John Lautner immer daran erkennen, dass sie wie nichts aussehen, was jemals zuvor auf dieser Erde gestanden hat.“

Das Haus ist in den Sandstein eines Hügels eingebaut. Man kann die Deckenfenster öffnen und sieht dort die atemberaubend arrangierte

Michel Comte für Breuninger. Los Angeles, 2017

Kunstinstallation „Above Horizon“ von James Turrell. Diese Kombination gab es zuvor mit Sicherheit noch nicht. Woher ist das Zitat?

Aus einem Artikel über John Lautner aus den 90ern. Das ist das Spannende an seiner Architektur: Sie bleibt immer futuristisch. Das Haus wurde in den 60ern erbaut, wie auch viele seiner anderen Häuser, aber alle tragen etwas sehr Zukunftsgewandtes in sich.

Ich habe mir immer gedacht, dass das Haus sehr gut zu Michel passt. Er ist unglaublich interessiert an Architektur und Kunst. Ist selbst ein Visionär in seiner Arbeit.

Wie kann man sich die Zusammenarbeit zwischen Ihnen vorstellen?

Michel arbeitet niemals nicht. Im Grunde setzt er alles um, was ihm durch den Kopf geht. Hinzu kommt, dass er mit einem sehr kleinen Team seit Jahren zusammenarbeitet. Alles ist stimmig und ausbalanciert. Das Fotografieren selbst ist beinahe kinematografisch.

Können Sie das genauer beschreiben?

Es geht ihm stets um ganze Sequenzen, weniger um das einzelne Bild, und nichts dabei ist jemals statisch. Ich erinnere mich, wie ich in der Villa quer, gerade, langsam, schnell, hin und her durch diese atemberaubenden Räume gelaufen bin. Es war beinahe wie ein Tanz.

Sie fotografieren selbst. Inwieweit beeinflusst Sie dieses Bewusstsein, wenn Sie vor der Kamera stehen?

Gute Frage. Vielleicht bin ich mir über Lichtverhältnisse und eine gewisse Eigenwirkung mehr im Klaren. Aber das sind nur Spekulationen. Und wenn es so wäre, dann passiert das definitiv im Unterbewusstsein.

Ihre Arbeiten lassen sich generell nicht auf nur ein Medium oder eine Industrie festlegen. Neben der Fotografie und der Arbeit als Model malen Sie, kuratieren Ausstellungen, fertigen Skulpturen. In welchem Medium fühlen Sie sich am wohlsten?

Zu Beginn meines Studiums war es die Fotografie. Mit der Zeit hatten sich meine Arbeiten jedoch in eine Richtung entwickelt, mit der ich mich nicht identifizieren konnte. Aus Frustration heraus begann ich dann mit der Malerei.

Michel Comte ist ein absoluter Visionär in seiner Arbeit.

Michel Comte für Breuninger. Los Angeles, 2017

Dabei habe ich über die Zeit eine Technik und einen Stil entwickelt, die mir sehr nahe sind und mit denen ich mich sehr wohl fühle.

Ich habe mich gefragt, ob das auch eine Generationssache ist. Es scheint, als gebe es eine neue Sensibilität und keine Angst mehr zu zeigen, wer man ist. Viele, gerade junge Kreative legen sich bewusst nicht mehr auf eine Tätigkeit fest und versuchen, eigene Wege zu finden, ihre Arbeit und schließlich auch ihr Leben zu definieren.

Nun, die Definition eines Künstlers verändert sich immer wieder, keine Frage. Ob sich dies insbesondere in meiner Generation verändert, kann ich nicht beantworten. Vielleicht gibt es heutzutage mehr Generalisten als früher.

Hat sich das Bild des Models in Ihren Augen verändert?

Die Ära der Supermodels im klassischen Sinne ist vorbei. Man sieht immer mehr sogenannte „real people“ und bekannte Persönlichkeiten auf Covern. Aber auch das ist vielleicht „nur“ ein Trend, genauso wie die Supermodels es waren.

Ich glaube, man muss mit solchen Veränderungen und einer Demokratisierung durch das Digitale vorsichtig umgehen. Ich selbst habe sehr gemischte Gefühle dabei. Beispielsweise war ich gerade bei einem Casting und ich wurde gefragt, wie viele Instagram-„Follower“ ich hätte. Daraufhin bin ich gegangen. Auf der einen Seite eröffnen uns die neuen Medien einen ganz anderen Zugang zur Öffentlichkeit als zuvor und bieten eine neue Plattform, die eigene Arbeit zu zeigen – egal ob als Model oder Künstler. Ich muss zum Beispiel nicht mehr darauf warten, bis etwas ausgestellt wird. Ich kann den Zeitpunkt selbst bestimmen. Man diktiert die Geschwindigkeit und kann sein Bild so selbst kuratieren.

Auf einem Ihrer Gemälde liest man: „I’ll never be like you, I change all the time.“

Das ist ein Zitat aus einem meiner Lieblingsfilme, „Persona“ von Ingmar Bergman aus dem Jahr 1966. Der Satz hat etwas Erstrebenswertes in sich, oder?

Die neuen Medien bieten mir eine neue Plattform, die eigene Arbeit zu zeigen.